Na, wie heißt es nun gleich?

Die Strandtage sind zu Ende. Nun geht es in die Hauptstadt mit ihren außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten. Ein Taxi bringt uns zum Bahnhof von Baidaihe. Die Bahnhofsgegend sieht aus, wie eben eine typische Bahnhofsgegend aussieht. Allerdings eine Bahnhofsgegend in Deutschland! Es gibt Fachwerkhäuser mit schicken Türmchen, Gebäude aus Backstein, die an die Hamburger Speicherstadt erinnern und Wohngebäude im Stil der 50er-Jahre. Da haben sich ein paar chinesische Städteplaner einen Spaß erlaubt, haben in Deutschland ein paar Fotos gemacht und dann das Ganze in China nachgebaut.

Ein Bullet Train schießt uns retour nach Beijing. Am Taxistandplatz vor dem Hauptbahnhof sehen wir eine beachtliche Warteschlange aber kein einziges Taxi. Wir lassen uns von einem jungen Chinesen anquatschen, vereinbaren den recht hohen Fahrpreis von 100 Yuan, und werden in einer nagelneuen, klimatisieren Mazda-Limousine zu unserem Hotel gebracht.

Der Mann von Welt hat zuvor im Internet ein Bild mit einem sehr hilfreichen Text gefunden: „Please bring me to Park Plaza Wangfujing Hotel“, natürlich auf englisch und chinesisch. Unser Hobbytaxifahrer tut wie ihm geheißen und lädt uns nach maximal zehn Minuten Fahrzeit vor nämlichem Hotel ab. Ich korrigiere: Der Fahrpreis war nicht ‚recht hoch‘ sondern für diese kurze Strecke  geradezu absurd, aber dafür haben wir uns erspart, lange Zeit in der Warteschlange zu verbringen.

Was für ein tolles Hotel! Ich muss mein Gepäck nicht angreifen, man hält uns die Türe auf, untermalt mit Klaviermusik schreiten wir durch eine gediegene Lobby und erhalten einen herzlichen  Empfang. Welcome to Grand Plaza Wangfujing! So mag ich das.

Leider findet man unsere Reservierung nicht. Der Mann von Welt zückt sein Smartphone und zeigt den Screenshot der Reservierungsbestätigung. „Sorry, your hotel is Crowne Plaza Wangfujing.“, und das ist drei Blöcke weiter. Der Mann von Welt schwört, nach dem richtigen Hotel gegoogelt zu haben und schiebt das Missgeschick auf den Suchmaschinen-Weltmarktführer. Man ruft uns ein Taxi. Die Wartezeit verkürzt uns der Consierge des Grand Plaza mit Geheimtipps für Peking. Wenn wir schon hier sind, sollten wir uns die Verbotene Stadt ansehen und Peking Ente essen gehen. Danke schön! So bekommt diese nicht unpeinliche Irrfahrt doch noch einen Sinn. Die Geheimtipps werden wir hüten wie einen kostbaren Schatz. Eine der kürzesten Taxifahrten in der Geschichte des Personentransportgewerbes bringt uns dann ins  richtige Hotel.

Erste Orientierung in Beijing

Eine gediegene Lobby mit Klaviermusik gibt es auch im Crowne Plaza, und – wichtiger – eine Reservierung auf unseren Namen. Im Zimmer warten wir vergeblich auf unsere  Koffer. Ich geh nochmals in die Lobby, und nehme unsere Sachen vom Gepäckwagen. Das ist einem Hotelangestellten unangenehm: „Can I help you, sir?“. „No, you had half an hour to bring the luggage to our room. Half an hour!“, schnauze ich ihn an. Dazu krame ich meinen bösesten Blick hervor. Vor zwei Wochen wäre ich noch froh gewesen, hätte ich mein Gepäckstück aus einer Lobby abholen können. Und jetzt belle ich einen Hotelangestellten an, weil er mir mein Zeug nicht hinterher trägt. Schäm Dich!

Nur wenige Gehminuten vom Plaza entfernt, befindet sich der Donghuamen Night Market. Auf einer Länge von 200 Metern reihen sich in Form und Größe normierte Garküchen. Preisauszeichnung und Sauberkeit werden behördlich kontrolliert. Das Publikum besteht fast ausschließlich aus chinesischen und internationalen Touristen. Alles in allem ist der Markt nicht das, was man als Südostasien-Reisender unter einem Nachtmarkt versteht, und trotzdem ein sehr praktischer Ort, um sich in kürzester Zeit durch ein großes Angebot Pekinger und Chinesischer Snacks zu kosten. Hier gibt es Suppen, gebratetne Nudeln, Teigtaschen mit verschiedensten Füllungen, Kebab, Fleischspieße, gegrillte Wasserschlange und auch jede Menge Süßes, wie kandierte Früchte, gebackene Bananen oder eine Eiscremekugel in einem heißen Teigmantel. Für die wahren Abenteurer gibt es auch Schafhoden – vom Koch als  „sheeeeeep balls“ ausgerufen – und  allerhand Krabbeltier am Spieß. Der Verzehr kostet Überwindung, verschafft einem aber zu Hause beim Herzeigen der Fotos die  Anerkennung  der Daheimgebliebenen. Wir lassen Seidenraupen, Skorpione, Seesterne, Schafgonaden und andere Albernheiten allerdings sein und konzentrieren uns auf die wirklich leckeren Gerichte.

Praktisch ist auch, dass sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein paar Getränkeläden befinden. Wir holen uns von dort kaltes Bier. Claudia meint: „Wir laufen gerade mit der Bierflasche in der Hand über die Straße!“ Ich beruhige: „Wir sind ja hier in China und nicht in den USA. Dort, im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten‘, im  vielbesungenen ‚land of the free‘ würden sie Dich jetzt einsperren.“

Am nächsten Morgen gehen wir die gerade erwachende Fußgeherzone Wangfujing entlang und laufen über den Tiananmen Platz zum Museum für Stadtentwicklung. Dort wird dem Besucher die Stadtentwicklung Beijings anschaulich und auch sehr interaktiv  nahe gebracht und es gibt ein riesiges Modell der Stadt, das uns  eine erste Orientierung ermöglicht. Viel besser als auf einer Karte erkennen wir, wo sich die Hot Spots wie Sommerpalast, Olympiagelände und Himmelstempel befinden.

Den Abend verbringen wir im Houhai-Viertel, einer sehr schicken aber teuren Amüsier- und Restaurantmeile. Ich fühle mich ein wenig an Singapores Clarke Quay erinnert. Hier feiern Touristen und der wachsende chinesische Mittelstand. Vielleicht ist auch unser Hobbytaxifahrer irgendwo in der Menschenmenge und verprasst die Kohle, die er uns abgeknöpft hat.

Ente gut! Alles gut?

Heute werden wir uns intensiv den Geheimtipps widmen, die wir vom Hotelpagen des Park Plaza unter der Hand erhalten haben. Wir besuchen die verbotene Stadt und gehen am Abend verboten gute Ente essen. Damit der Geheimtipp auch einer bleibt, stehen wir morgens extra früh auf und achten darauf, dass uns niemand folgt. Doch alle Mühe ist vergeblich, offenbar hat dieses Plappermaul von Hotelpage einer Unzahl von Menschen von seinen  Geheimtipps erzählt. Unglaubliche Menschenmassen wälzen sich im Schneckentempo durch den zentralen Eingang des Mittagstores. Das war früher dem Kaiser vorbehalten, alle anderen Personen mussten die beiden seitlichen Tore nehmen, rechts die kaiserliche Verwandtschaft und links Beamte. Wir wissen was sich gehört, nehmen den linken Eingang, überholen auf diese Weise so nebenbei ein paar Hundert Leute und befinden uns in der riesigen Kaiserstadt mit ihren unzähligen prunkvollen Palästen, Pavillions und verwinkelten Höfen.

Die gesamte Anlage befindet sich auf der kaiserlichen Zentralachse, die Beijing in eine Ost- und Westhälfte unterteilt. Die wichtigsten Bauwerke der Kaiserstadt liegen genau auf der Achse und die Mehrheit der Besucher scheint diese  nicht verlassen zu wollen. Je weiter man sich von ihr entfernt, desto beschaulicher wird es.

Wir lassen uns treiben und versuchen uns vorzustellen, wie das Leben am Hof wohl gewesen sein mag. Nur ein Mal kehren wir zur Hauptachse zurück, denn dort steht die Halle der höchsten Harmonie. Das Gedränge ist alles andere als harmonisch und wieder einmal kommt mir zu Gute, doch etwas mehr Masse als der durchschnittliche Chinese in die Schlacht  werfen zu können - die Schlacht um das begehrte Foto der Thronhalle mit dem Drachenthron. Wenn China das Reich der Mitte ist, dann symbolisiert dieser Ort wohl die Mitte der Mitte, und ich hab das Gefühl, halb China hat sich heute hier verabredet. Es wird nach allen Richtungen geschoben und gedrängt, mittendrin auch kleine Kinder, alle reissen die Arme hoch, halten die Kameras auf Verdacht in Richtung Thron und fotografieren, als würde der Kaiser höchstpersönlich am Thron sitzen oder gerade mit Yao Ming, dem 2,29m großen Beitrag Chinas an der US-Basketball-Profiliga, ein Spielchen wagen.

Irgendwann haben wir genug von den Hallen mit den blumigen Namen (Halle der Militärischen Tapferkeit, Halle der Literarischen Blüte, Halle des Freudvollen Alterns,…). Mit steigendem Durst und schwindendem Nikotinspiegel wird der Anblick von Gold, Schnitzwerk und Purpur immer unatraktiver, die Paläste, Hallen und Höfe ähneln einander immer mehr und schließlich verlassen wir die verbotene Stadt durch das Nordtor um uns eine Halle des kühlen Getränks und des vergnüglichen Tabakgenusses zu suchen.

Danach gehen wir in den Jingshan Park und besteigen den Kohlehügel. Der wurde schon zu Ming-Zeiten aus dem Aushub des Palastgrabens aufgeschüttet, um dem Kaiser gutes Feng Shui zu sichern, das sich durch einen Berg nördlich des Hauses einstellt. Uns bringt der anstrengende Aufstieg auf den immerhin fast 46 Meter hohen Hügel jedenfalls eine sensationelle Aussicht über Beijing. Richtung Süden schweift der Blick über die Kaiserstadt und weiter bis zum Himmelstempel um dann im Osten  an den Hochhäusern jenseits des dritten Autobahnrings hängen zu bleiben. Klar erkennbar ist auch das Sendezentrum von CCTV, das wegen seiner Form von den Beijingern den nicht sehr schmeichelhaften Namen ‚große Unterhose‘ erhalten hat. Auch die Yanshan-Berge im Norden hat man so deutlich vor sich, dass man versucht ist, die Augen zusammenzukneifen um vielleicht sogar ein Stück der Großen  Mauer zu erspähen. Dies ist uns jedoch genau so unmöglich wie die Vorstellung, dass die Beijinger manchmal tagelang die Sonne nicht sehen, weil ihre Stadt von einer dicken Smog- und Feinstaubwolke eingehüllt wird.

 Eine andere Vorstellung lässt uns den ganzen Tag nicht los: Wir freuen uns, knusprig-zarte Entenbrust zusammen mit frischem Gemüse und Sauce in einen Pfannkuchen zu wickeln und zu verspeisen. Also machen wir uns am Abend auf in die Wangfujinger Filiale des berühmten Quanjude Roast Duck Restaurant. Das Entenimperium verkauft in seinen über 50 Filialen jährlich über 2 Millionen Enten. Das Restaurant ist sogar für chinesische Verhältnisse riesig. Mit dem Lift fahren wir ein paar Etagen höher, wo wir eine Nummer ziehen und in einem Warteraum Platz nehmen, bis ein Tisch für uns frei wird.

Es dauert etwa eine Viertelstunde, bis es so weit ist. Wir werden aufgerufen und in einen großen, eher schmucklosen Raum geleitet. Wir  lassen uns das volle Programm einreden, ein sauteures  Entenmenü, zu dem auch flambierte Entenherzen, Entenleber und ein paar andere Speisen gehören. Und das ist auch gut so, denn der Star des Abends, die Ente ist eher schmalbrüstig. Die Köche tranchieren das Tier vor den Gästen und schneiden die Brust in bis zu hundert  dünne Scheiben, hab ich zuvor noch gelesen. Wir erhalten ca. 20, den Rest des Vogels nimmt der Koch wieder mit.

Die Entenbrust ist lecker, das restliche Speisenaufgebot treibt der Hunger rein und am Ende sind wir einen guten Kilo schwerer und über 60 Euro leichter. Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass man uns hier über den Tisch gezogen hat. Am nächsten Tag gehen wir wieder auf den Nachtmarkt. Dort entdecke ich Entenwraps um einen knappen Euro. Die sehen nicht weniger lecker aus, als diejenigen, die ich im Quanjude selbst gerollt habe.

Fazit

Natürlich waren wir auch beim Himmelstempel, sind durch die Hutongs rund um den Trommel- und Glockenturm geschlendert und haben die riesige Parkanlage des Sommerpalastes besucht. Alles sehr sehenswert und interessant.

Der für mich schönste und stimmungsvollste Ort in Beijing ist allerdings der Yonghe Gong. Die auch als ‚Lama Tempel‘ bekannte Anlage ist einer der größten Tibetisch-Buddhistischen Tempel außerhalb Tibets. Schon von weitem riecht es nach Räucherstäbchen. Vorbei an buddhistischen Devotionalienhandlungen gelangt man zum Eingangsbereich, wo man eine sehr nette Eintrittskarte erhält, die zugleich eine Video-CD mit Erläuterungen über den Tempel ist.

Wir  schlendern durch die imposante Anlage, sehen gläubigen Buddhisten bei ihren Ritualen zu und plötzlich wird mir schmerzlich in Erinnerung gerufen, dass wir vor knapp drei Wochen in Shangri-La umkehren mussten, als wir gerade dabei waren, weit in den tibetischen Kulturraum vorzudringen.

Aber mit Yunnan bin ich noch nicht fertig, so schnell geb ich nicht auf. Irgendwann komm ich wieder, dann hab ich sämtliche Adressen in chinesisch parat, eine chinesische SIM-Karte im Telefon, ein GPS und vor allem mehr Zeit, viel mehr Zeit,  zur Verfügung. Und dann schick ich Dr. Lee eine Ansichtskarte vom entlegensten Winkel Chinas.