Einmal quer durch China

Die Halle des neuen Nordbahnhofs Xi’an Bei würde so manchem europäischen Flughafen zur Ehre gereichen. In China wird bei neuen Bauvorhaben selten gekleckert sondern fast immer geklotzt. Und zu dem ultramodernen Gebäude passen auch die schnittigen Hochgeschwindigkeitszüge, die dort abfahren. In knapp fünf Stunden werden wir auf der 1.250 Kilometer langen Strecke von Xi’an nach Beijing geschossen.

Das andere Extrem chinesischen Verkehrs lernen wir unmittelbar nach unserer Ankunft kennen. Wir lassen uns von einem Schlepper ein teures Taxi vermitteln, denn am offiziellen Standplatz steht keines, und benötigen für die paar Kilometer vom Beijinger Westbahnhof zum Majuan-Busbahnhof im Osten Beijings fast zwei Stunden.

Dort fahren angeblich die Busse nach Qinhuangdao. Wir sind aufs schlimmste gefasst, rechnen damit, am falschen Busbahnhof zu sein, in eine überfüllte, chaotische Wartehalle zu treten, oder schlichtweg kein Busticket mehr zu bekommen. Aber es kommt ganz anders: Die Halle des Busbahnhofs ist fast leer, auf den Informationsbildschirmen steht „Qinhuangdao“ und ich kaufe zwei Fahrkarten für einen Bus, der in sechs (!) Minuten abfährt. Klo gehen, Proviant kaufen und eine halbe Zigarette rauchen, und schon geht’s los. Vier Stunden später sitzen wir auf dem Balkon unseres Hotelzimmers, halten ein kühles Bier in Händen und blicken auf’s Meer. Seit wir aus Yunnan raus sind, klappt alles prima.

Wo die Mauer das Meer trifft

In Qinhuangdao gibt es keine traumhafte Strandidylle. So weit, so gut. Das haben wir ja auch nicht erwartet. Überhaupt heute, es ist Sonntag, ist der Strand gut besucht. Da sind sicher auch jede Menge Beijinger darunter, fest entschlossen  eines der letzten warmen Wochenenden am Meer zu genießen. Wir machen mit, freuen uns über unser schönes Zimmer mit Meerblick, die Seeluft und das bunte Treiben am Strand.

Qinhuangdao hat aber noch ein weiteres Highlight zu bieten. Von hier ist es nicht weit zur ‚Großen Mauer‘. Irgendwie ist klar, dass die Mauer mit dem Meer abschließen muss. Sonst wäre sie ja noch sinnloser gewesen, als sie de fakto ohnedies war.

Wir fahren mit dem Taxi nach Shanhaiguan, einem Städtchen  etwa 15 km östlich von Qinhuangdao. Shanhaiguan bedeutet „Berg-und-Meer-Pass“ und der Name ist Programm. Die Stadt liegt zwischen dem Yan-Gebirge und der Küste, an einer seit je her wichtigen strategischen Position und gilt als einer der am stärksten befestigten Plätze Chinas. Die massive vier Kilometer lange Stadtmauer Shanhaiguans ist Teil der Großen Mauer.

Ihre touristische Bedeutung erkannte die Stadt erst kürzlich. 2008 wurde mit der Restauration der Innenstadt begonnen. Wir laufen ein Stück auf der Mauer und besichtigen das Osttor mit dem klingenden Namen „Erster Pass unter dem Himmel“. Am Glockenturm im Zentrum sprechen wir einen Tuk-Tuk-Fahrer an, der uns zu einem Abschnitt der Großen Mauer am Jiao Shan bringen soll, der in unserem Reiseführer empfohlen wird. Jiao Shan ist der östlichste Ausläufer des Yan-Gebirges und nur wenige Kilometer von Shanhaiguan entfernt. Deshalb habe ich mir eine Tuk-Tuk-Fahrt gewunschen,  sozusagen zur Abrundung des Reiseerlebnisses. Für längere Fahrten sind sie nicht so gut geeignet, aber ich mag diese Schepperkisten. Der Wind bläst einem um die Nase, man ist einfach näher am Geschehen, näher am Asphalt, als in einem klimatisierten Taxi.

Schnell erlangen wir EInigkeit über den Fahrpreis und setzen uns in Bewegung. Nach ein paar hundert Metern stoppen wir, dem Fahrer fällt ein, dass Jiao Shan „closed!“ ist, aber er wisse eine andere Stelle der Großen Mauer, und die ist „very beautiful!“. Wir haben  keine Ahnung, warum Jian Shan angeblich gesperrt sein soll. Es ist stark windig, vielleicht hat ja die Seilbahn deshalb den Betrieb eingestellt. Vielleicht will der Fahrer auch einfach nur mal einen längeren Ausflug machen und nebenbei etwas mehr an uns verdienen, als den zuvor vereinbarten Fahrpreis. Was für ein Zufall, ganz in der Nähe hat der Fahrer sein Auto geparkt. Wir wechseln das Gefährt und auf einer Straße, die wir wirklich nicht im Tuk-Tuk erleben wollten, geht’s ab in die Berge.

Knapp 15 Minuten später halten wir an einer Stelle, wo die Mauer als massive Steinbrücke über einen Fluss führt. Zu Hause musste ich eine Zeit lang im Internet suchen, um diesen Abschnitt als ‚Jiumenkou‘ zu identifizieren. Jiumenkou wurde 2002 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und ist der einzige Ort, wo die Große Mauer zu einer Brücke wird und einen Wasserlauf überquert.

Trotzdem sind hier nur recht wenige Besucher und als wir uns  von der imposanten Brücke entfernen, sind wir fast alleine. An beiden Seiten des Flusstales führt die Mauer steil die Berghänge empor. Insgesamt 1700 Meter sind restauriert und dürfen betreten werden. Danach folgt das Auge noch lange von Wachturm zu Wachturm dem nicht instandgesetzen Teil.

Als nächstes lassen wir uns zum Alten Drachenkopf bringen. Das Bauwerk mit dem blumigen Namen steht dort, wo die Mauer die Küste erreicht. Dem Fahrer zu vermitteln, dass wir dort hin wollen, ist nicht leicht. Mein Versuch, die Mauer und das Meer zu zeichnen, schlägt fehl. Dann fällt mir das chinesische Wort ‚long‘ für Drache ein und alles ist klar.

Wir werden an den Strand gefahren, den Alten Drachenkopf können wir in der Ferne schon erkennen. Ich protestiere ein wenig. Der Fahrer meint „only by boat“. Ist der Meeresspiegel mittlerweile so stark gestiegen, dass das Ding neuerdings zur Gänze im Wasser steht? Man knöpft uns ein paar Yuan ab und steckt uns in überaus kleidsame, neonfarbene Schwimmwesten. Gemeinsam mit ein paar chinesischen Touristen besteigen wir ein Speedboot und brettern los.

Natürlich (!) beinhaltet der Ausflug keinen Landgang, wir sehen das Bauwerk nur vom Wasser aus, machen ein paar Fotos, warten geduldig bis unsere chinesische Mitfahrer Fotos von sich und dem Bauwerk geknipst haben und brettern retour zum Strand.

Die Tatsache, dass wir diesen überaus schrägen Ausflug mit Humor nehmen, zeigt, dass wir mittlerweile ziemlich entspannt sind. Und außerdem haben wir gar keine Lust, die Festungsanlage einer genaueren Besichtigung zu unterziehen. Irgendwann reicht's dann auch mal, Mauer und Türmchen betreffend.

 

Hier geht's zum letzten Teil der Reise: KLICK