Familienanschluss in Kratie

Ari samt Familie

Ari, der Betreiber der Bamboo Roofbar in Kratie, spricht mich an. Offensichtlich tu ich ihm leid. Alleine sein ist für Asiaten furchtbar. „Kannst Du Motorrad fahren?“ Ja, klar! Schnell werden Getränke eingepackt und ein paar Backpacker mit den Worten „You must leave now!“ rauskomplimentiert. Ich bleib sitzen. Die Blicke der Vertriebenen: Priceless! Das Motorrad, ein chinesischer 125er-Chopper, schnurrt, Aris 13-jährige Tochter sitzt mit wehendem schwarzen Haar als Sozia hinter mir. Wieder ernte ich Blicke. Leute, die Welt ist nicht immer so schlecht, wie ihr denkt! Ich fahre hinter Ari her, der seine Frau und die 4-jährige Tochter auf einem Motorroller transportiert. Ari wollte seine Jüngste auch noch zu mir auf's Motorrad setzen. Das habe ich aber abgelehnt. Zu viel Verantwortung.

Am Weg kaufen wir noch ein Hühnchen. Wir fahren zuerst zu den Delfinen, dann zum Picknick und zum Schwimmen zu den Stromschnellen und zum Abschluss in eine buddhistische Tempelanlage. Ich muss tanzen und mich nass spritzen und mit Puder bekleckern lassen, um das Ende der Neujahrsfeierlichkeiten zu begehen.

Ein sehr gelungener Tag! Reisen ist Leben: Es gibt nicht nur gute Tage. Und das ist wichtig, sonst würde man die guten Tage nicht mehr schätzen. Das ist auch, wie ich meine, einer der Unterschiede zwischen Reisen und Urlaub. Der Urlauber bucht mit gutem Recht eine rundum tolle, komfortable, beschwerdefreie Zeit. Der Reisende sollte Anstrengungen und Unannehmlichkeiten einkalkulieren und annehmen. Das Leben ist eine Reise, kein AI-Urlaub.

Die Bambusbrücke von Kampong Cham wird jedes Jahr neu errichtet und zu Beginn der Regenzeit wieder abgebaut. Sie führt von Kampong Cham auf die Mekonginsel Koh Pen.

Kampong Cham

Wieder mal eine Fahrt auf zwei Rädern durch ein südostasiatisches Bilderbuch. Entlang des Mekong auf staubigen Pisten, bis diese entweder zu schmal werden oder eine Kuh den Weg verstellt. Kleine Dörfer, Felder, Dorftempel, Holzhäuser mit knallrotem Vorgarten – Chili liegt zum Trocknen aus. Vor einer Dorfschule bietet ein Stand Zuckerrohrsaft feil. Die Verkäuferin gibt mir zu verstehen, dass sie nicht ausschenken kann. Der Eismann war noch nicht da, der kommt erst kurz bevor der Unterricht endet. Zeit ist das neue Geld und ich bin reich. Ich setze mich in den Schatten und warte auf den Eismann. Der kommt kurz vor dem Läuten der Schulglocke und es gibt Saft für die Kinder und mich. Dann fahre ich zu Wat Nokor, einer alten buddhistischen Tempelanlage aus Sandstein. Schöner Anlass für ein paar Fotoübungen. Ich bin ja bald in Angkor. Am Ende bin ich erledigt! Der Sand knirscht zwischen den Zähnen und der Fahrtwind fühlt sich an wie ein Heißluftgebläse. Aber schön war sie, die Fahrt durchs ländliche Kambodscha.

Phnom Penh

Die Stadt gefällt mir auf Anhieb. Schon bei der Tuk-Tuk-Fahrt zum Hotel bin ich euphorisiert. Verkehr, Gewusel, Lärm! Ich hatte Großstadtentzug seit Bangkok. Gehst Du fünf Minuten durch Phnom Penh, bekommst Du alles angeboten, was Du brauchst oder woran Du zugrundegehst. Tuk-Tuk, Moto, Sitzplätze in den Restaurants, Massage, schwule Massage, Drogen, Zigarren, Huren. Die Stadt ist die verlotterte, verruchte, schäbige kleine Schwester Bangkoks. Ich absolviere das typische Touristenprogramm: Nationalmuseum, Zentralmarkt, Sorya-Einkaufscenter, Wat Phnom, Königspalast und die Promenade am Tonle Sap. Außerdem besuche ich den (längst geschlossenen) Bahnhof und die gerade fertiggestellte Shoppingmall im Wolkenkratzer gegenüber.

Der FCC in Phnom Penh

Ich wohne im FCC Phnom Penh (Foreign Correspondents Club) und tue so, als sei ich ein bedeutender Reporter oder Fotograf. Der FCC ist toll. An den Wänden hängen Bilder von berühmten Reportagefotografen. Ein Ort mit Geschichte und Geschichten. Der Slogan lautet „FCC – stories told“. Das Restaurant ist klasse, vom Balkon der Hotelbar sieht man den Tonle Sap.

Choeung Ek

Diese Collage ist mir in Choeung Ek in den Sinn gekommen. Beide Fotos habe ich dort gemacht. Sonst war mir nicht nach fotografieren.

Meine Unbeschwertheit endet abrupt in Choeung Ek, einem der „killing fields“, wo Pol Pot Zehntausende Menschen abschlachten ließ. Massengräber, aus denen da und dort Knochen ragen. Ein Baum, der zum Töten von Kindern genutzt wurde: Man hat sie an den Beinen gehalten und so lange gegen den Baum gedroschen, bis sie zu schreien aufgehört haben. Eine Stupa, die mit 5.000 Schädeln gefüllt ist. Per Audioguide werden Originalgeräusche und Originalstimmen eingespielt, Opfer und Täter kommen zu Wort. Die Präsentation erreicht eine Intensität, bei der ich irgendwann nicht mehr kann. Ich setze mich auf eine Bank und heule drauf los.

Rattentransport

„What are they for?“ „Food“, antwortet mein Tuk-Tuk-Fahrer. Manchmal fragt man ja nur, weil man hofft, die Antwort würde den furchtbaren Verdacht entkräften, den man hegt. In diesem Fall vergeblich.

Siem Reap

Gleich nachdem ich aus dem Bus steige, „trete“ ich mir einen Tuk-Tuk-Fahrer „ein“. Er bringt mich zum Hotel und holt mich am nächsten Morgen dort ab. Zwei Tage bin ich mit ihm in den Tempelanlagen unterwegs. Mein Ticket erlaubt mir einen dritten Tag, aber ich muss nicht alle Tempel sehen.

Siem Reap erfüllt gerade einen ganz anderen Sinn für mich. Durch die große Konkurrenz und die beginnende „low season“ sind Fünfsternehotels wirklich preiswert. Ich bin vier Nächte im Angkor Palace Resort und hänge noch drei Nächte im Borei Angkor an.

Es etabliert sich ein Tagesablauf: Tagsüber bin ich am Pool, abends lasse ich mich in den FCC Angkor fahren, um mein Abendessen einzunehmen und ein paar Cocktails zu trinken. Ich mache hier also ein paar Tage Urlaub vom Reisen.

Ausflug auf den Tonle Sap

Ausflugsboote am Tonle Sap

Dachte ich! Über die Standardtour hab ich nicht viel Gutes gelesen. Die läuft wie folgt ab: Besuch eines schwimmenden Dorfes. Sack Reis für 50 US$ für die Armen kaufen. Besuch einer Schule. Mein Hausverstand reicht gerade noch, um zu erkennen, dass ein Dorf und eine Schule, die täglich von hunderten Touristen besucht und bespendet wird, im Verhältnis gesehen nicht arm sein kann. Gemacht hätte ich den Ausflug trotzdem. Aber wenn man mir 35 US$ für einen 1 1/2-stündigen Bootsausflug abknöpfen will, schalte ich auf stur. Ich ziehe unverrichteter Dinge ab. Um einen Ausflug auf den Tonle Sap zu machen, der deutlich anders abläuft, müsste man wahrscheinlich etwas recherchieren.

Im Minibus retour nach Phnom Penh

Wieder in Phnom Penh

Ich glaube, ich weiß jetzt, warum Minibusfahrten so einen schlechten Ruf haben. Der Mensch neigt zu Übertreibungen und so eine Nahtoderfahrung im Minibus macht sich eben gut im Reisebericht.

Klar wählt der Fahrer die Reisegeschwindigkeit – und zwar schon zu Beginn der Fahrt im Stadtzentrum – und versucht diese dann um jeden Preis zu halten. Klar muss er dazu manchmal eine dritte Spur eröffnen, wo nur Platz für anderthalb ist. Klar fährt er auch auf unbefestigter Straße diese Geschwindigkeit und zieht dabei eine Staubspur hinter sich her, die im Sonnenlicht wie ein Kondensstreifen anmutet, was den Vergleich zum Tiefflug nahelegt.

Aber wie jeder gute Rennfahrer ist auch der Minibusfahrer ein Sportler durch und durch, der die nächsten Manöver seiner Konkurrenten (Moped, Tuk-Tuk, LKW, Ochs und Esel) antizipiert und angemessen reagiert. Durch hupen!

An sich ist das alles harmlos. Das einzig „Gefährliche“ auf der Fahrt ist mein Harndrang, der sich durch das immer wieder einsetzende Prasseln des Regens noch dramatisch verstärkt. Aber dafür gibt's ja eine Pinkelpause von maximal zehn Minuten. Und in 5 1/2 Stunden ist man am Ziel. Das sind zwei Stunden weniger als im großen Bus. Perfekt, jederzeit wieder!

Im Speedboat nach Vietnam

Endlich darf ich wieder auf dem Fluss reisen. Die Speedbootfahrt von Phnom Penh (Cambodia) nach Chau Doc (Vietnam) ist ein Highlight dieser Reise und viel bequemer als die Fahrten in überfüllten Bussen. Unterwegs nehmen wir noch ein in Seenot geratenes Schwesternschiff ins Schlepptau. Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt. Mein Visum für Vietnam habe ich ja bereits seit Luang Prabang im Pass. In knapp sechs Stunden sind wir in Chau Doc.

 

Weiter geht's in Vietnam.