Liebesbezeugung an eine Stadt

Bangkok Chinatown

Eine gut zweihundert Meter lange Warteschlange mäandert schrittweise Richtung Immigration. Zwangsverordnete Entschleunigung. Runterbremsen auf thailändischen Gleichmut. Ich betrachte und belausche die Menschen um mich, möchte wissen, woher sie kommen, wohin sie gehen, was sie denken und fühlen. Jeder Schritt Annäherung an den grimmig über seinen Brillenrand blickenden Grenzbeamten ist auch einer heraus aus meiner stimmungsmäßigen Talsohle. Mein Herz schlägt schneller. Nach zwei Stunden Wartezeit trete ich vor das Flughafengebäude. Es schüttet aus bedrohlich dunklen Wolken. Ich bin voller Vorfreude, habe richtig Bock auf Bangkok!

 Ich fahre mit dem Airport Train in die Stadt und blicke in die Gesichter der Menschen. Wahrscheinlich kann ich meine Euphorie nicht verbergen, denn ich ernte das eine oder andere Lächeln. Unergründliches Thai-Lächeln mit seinen tausend Bedeutungen. Ich hinterfrage es nicht, denn ich will glauben, dass jeder hier mein Freund ist. Hier bin ich richtig! Verbreitung von Wohlfühlatmosphäre ist DIE thailändische Kernkompetenz. „Lächle anderen zu und du lächelst deinem eigenen Herzen zu. Denn sie sind wie du.“ So sagt man im Buddhismus.

Später sitze ich bei Ingwertee und Gebäck in der wunderbaren Authors Lounge des Mandarin Oriental und warte, dass ein wenig Geist von Somerset Maugham, Noel Coward oder Ernest Hemingway auf mich abfärbt. Sie alle sind hier gesessen und haben geschrieben. Mit den großen Meistern werde ich es nicht aufnehmen können, trotzdem seien mir ein paar Gedanken erlaubt.

Bangkok! Dorf am Pflaumenhain, Stadt der Engel, Venedig des Ostens, Stadt der Kontraste. Bezaubernd und ernüchternd, altehrwürdig und stahlbetonig, beseelt und seelenlos, herzerwärmend und gefühlskalt, verrucht und prüde, gepflegt und schäbig, herausgeputzt und heruntergekommen, protzig und bettelarm, alles und nichts. Auf ewig gesegnet und für immer verloren. Bangkok lebt – und wie! – , weil es schon lange tot ist. Wenn einer Bangkok nicht liebt oder zumindest mag, sagt das – egal wie er seine Abneigung argumentiert – nichts, aber auch gar nichts, über diese Stadt aus. Vielleicht aber über ihn selbst. Über die fehlende Begabung, Unvollkommenheit zu akzeptieren, anzunehmen, ja vielleicht sogar zu lieben.

Wenn es Dir in Bangkok nicht gefällt, dann geh ein paar Gassen weiter, dort ist es garantiert anders. So könnte die Annäherung an Bangkok funktionieren, und vielleicht taugt diese Überlegung auch als Metapher, als kleine Anleitung für einen versöhnlicheren Umgang mit der eigenen Existenz.

Alles für die Fische

Die Fische kurz vor der Freilassung

Viel ist nicht übrig vom einstigen „Venedig des Ostens“, aber vereinzelt muss es doch auch heute noch Klongs geben, die man mit einfachen Linienbooten befahren kann?! Einen hab ich heute gesucht und gefunden. Wo? Das ist leicht erklärt: Gleich hinter den vielen Hochhäusern links abbiegen, ein paar Stufen runter, dann sieht man schon rechts einen wackeligen Holzsteg. Hin und wieder kommt ein Boot, das einen direkt in die Vergangenheit bringt, in ein längst vergessen geglaubtes, grünes ländliches Bangkok, vorbei an kleinen Einfamilienhäusern, Gärten, Moscheen und buddhistischen Tempelanlagen.

Ich steige an einem großen Tempel aus. Heute ist Makha Bucha, einer der wichtigsten Feiertage des Theravada-Buddhismus. In ganz Bangkok ist absolutes Alkoholverbot ausgerufen. An den Kühlvitrinen der Supermärkte hängen Schlösser. Man trifft sich im Tempel. Es wird gebetet und geopfert, verkauft und wahrgesagt, und – selbstverständlich – gegessen und getrunken.

Tierfreilassungen sind ein schöner Brauch an solchen Tagen. Hier sind es Fische, Kröten und anderes Wassergetier, für jedes Anliegen eine andere Spezies. Ich hab die Wahl. Reichtum? Erfolg? Das spricht mich nicht an. Glück? In diesen Breiten nur ein anderes Wort für Reichtum. Also hab ich zwei Fischen Nr. 4 die Freiheit geschenkt. Laut „Gebrauchsanweisung“ stehen die kleinen glubschäugigen, rosafarbenen Freunde für „family, love and happiness“. Werden sie künftig getrennte Wege schwimmen oder zusammen bleiben? Man weiß es nicht. Aber sie haben jetzt die Freiheit zu wählen, und ich bekomme ein bisschen gutes Charma. Eine Win-Win-Situation.

Vielleicht werden sie ja auch gleich gefressen oder wieder eingefangen. So wie die fetten Kröten, die zu behäbig sind und von den Verkäufern eingesammelt werden, um erneut verkauft und ausgesetzt zu werden. Ein Kreislauf, aber kein ewiger. Makha Bucha ist ja um Mitternacht vorbei. Dann landen die Kröten vermutlich im Wok und für unsereiner gibt's auch wieder Alkohol zu kaufen, um die Sorgen zu vergessen, falls sich die Wünsche an "ganz oben" doch nicht erfüllen.

Die Wildsau von der Saphan Taksin

Unter der Taksinbrücke im Zentrum der pulsierenden Metropole Bangkok lebt eine Wildsau. Wie kam's dazu? Das kleine Restaurant am Fähranleger nahm Wildschwein auf die Karte. Tagelang hieß es „Sorry, no have!“ Dann, eines Tages: „Ware eingelangt!“ Das musste man auch nicht groß bereden, denn ein kleiner, putziger Frischling lief zwischen den Tischen umher. So putzig, dass ihn keiner bestellen wollte. Das Gericht wurde schließlich von der Karte genommen, aus dem Frischling wurde eine stattliche Sau. Sie ist weder angekettet noch eingesperrt und läuft trotzdem nicht durch die Stadt.

 

Ab in den Süden

Bahnhof Hua Lamphong

Reisetag! Eine halbe Stunde vor Abfahrt nach Hua Hin möchte ich Geld aus dem Automaten ziehen. Die Maschine denkt nach und entscheidet sich für einen Systemneustart, der jedoch nicht gelingen will. Am Display steht „Out of order“. Meine Karte behält sie. Eine Mitarbeiterin der Bangkok Bank erklärt mir am Telefon, dass ausländische Karten in solchen Fällen nicht zurückgegeben, sondern zerstört werden. Die Fahrzeit nach Hua Hin verkürze ich mir mit Selbstbeschimpfungen. Wie oft hab ich in Reiseforen darauf hingewiesen, dass man ausschließlich Automaten verwenden soll, die direkt an einer Bankfiliale stehen, damit man in solchen Fällen in die Filiale gehen kann, um die Karte zurückzuverlangen. Und was mache ich? Ich stecke meine Karte in so ein dubioses freistehendes Gerät.

Hua Hin

Mehr Idylle, als ich vertragen kann

Noch drei Tage selbstverordneter Urlaub, dann geht's endlich weiter. Hier ist es eindeutig zu schön, zu herzallerliebst, zu ruhig, zu fad. Langsam nervt vor allem die Gästestruktur im Evason. Paare wohin man sieht! Alte Paare, junge Paare, schwule Paare. Sogar die Vögel sitzen paarweise auf der Stromleitung und auf dem Tisch stehen Salz- und Pfefferstreuer in inniger Zweisamkeit. Ich verbringe viel Zeit auf dem Motorroller und erkunde die Umgebung. Am Samstag geht es nach Amphawa, dann nochmals für eine Nacht nach Bangkok und dann mit dem Nachtzug nach Chiang Mai.

Amphawa

Schwimmende Garküchen am Floating Market

Freunde nehmen mich im Auto nach Amphawa mit. Den dortigen Floating Market kenne ich zwar schon, aber die Fahrt bietet eine gute Gelegenheit für ein Schwätzchen und von Amphawa ist es nicht mehr weit nach Bangkok. Der Markt liegt ungefähr eine Fahrstunde südlich der Hauptstadt und ist jedes Wochenende ein beliebtes Ausflugsziel derBangkoker Jugend.

Chiang Mai

Wat Chiang Man

Per Nachtzug geht es nach Chiang Mai. Ich gehe auf „Wat-Wanderung". Die Aufzählung erspare ich mir an dieser Stelle. Kaum ist man aus einem draußen, sieht man schon den nächsten.  Der mit den Elefanten ist jedenfalls Wat Chiang Man.

Wat?

Schon wieder Tempel? Ja, aber ein ganz besonders schöner! Wat Muen San wird auch „Silver Temple“ genannt. Ich hätte eher an Aluminium oder Stahlblech gedacht, aber ich bin erstens nicht vom Fach und zweitens zu faul zu googeln. Die Hitze fordert ihren Tribut.

Anusarn Market ...

... ist Teil des Night Bazaar. Es gibt hier das übliche Angebot an Holzschnitzereien, Batikstoffen und Kunsthandwerk aller Art. Vor zehn Jahren hätte mich das fasziniert, es gibt hier aber nichts, was ich nicht schon irgendwo anders gesehen hätte. Außerdem kaufe ich nichts, was ich nicht sofort essen oder trinken kann. Ich müsste den Kram ja dann mitschleppen. Ich beobachte und beneide die Leute, die verzückt über den Markt schlendern. Irgendwie ist es schade, wie man mit der Zeit abstumpft.

Wat Phra That Doi Suthep ...

... ist ein Königlicher Tempel Zweiter Klasse und das Wahrzeichen Chiang Mais. Er liegt ca. 15 Kilometer westlich der Stadt. Ich stehe um fünf Uhr früh auf, fahre in der kühlen Morgenluft aus der Stadt hinaus und bin ganz alleine in der Tempelanlage. Aussicht auf Chiang Mai? Aussichtslos! Smog hüllt das Umland in diffuses Licht. Aber hier oben gibt es genügend zu sehen: Andächtige Mönche beim Morgengebet, goldglänzende Buddhastatuen und Glöckchen. Das letzte Bild zeigt mein Frühstück. Die wunderbare Suppe „Khao Soi“ mit knusprigen Nudeln ist die Spezialität der Region. Passt sie farblich nicht perfekt zu den anderen Bildern?!

Thaton

Thaton und die Brücke über den Mae Nam Kok

Hier ist so gut wie nichts los. Die Saison ist vorbei. Der Fluss führt zu wenig Wasser, die Linienbootsfahrt nach Chiang Rai – der eigentliche Grund, hierher zu fahren – ist eingestellt. Der Smog trägt auch einiges dazu bei, Gäste zu vertreiben. Die Besitzerin eines schicken Hotels mit Pool spricht mich auf meinem Dorfspaziergang an: „You search accomodation?“ Für 1.000 Baht könnte ich ein sehr stylishes Zimmer erhalten und im Pool planschen.

Abends ist es trotzdem sehr nett. Wenn die Lichter angehen, wird aus dem staubigen Dorf ein kleiner Backpacker-Hotspot. In ein paar Kneipen nahe der Brücke rotten sich die wenigen Langnasen zusammen. In einer Bar gibt es Livemusik, in einer anderen Karaoke.

Auf dem Mae Kok von Thaton nach Chiang Rai

Die smogverhangene Zauberlandschaft des Mae Nam Kok

Gemeinsam mit zwei deutschen Mädels chartere ich ein Boot, um auf dem Mae Kok nach Chiang Rai zu fahren. Drei Stunden Fahrt durch ein südostasiatisches Bilderbuch. Fischer, spielende Kinder und eine Zauberlandschaft wie aus einem Fantasyfilm. Immer wieder weicht unser Bootsführer routiniert Stromschnellen und Untiefen aus, ein paar hundert Meter müssen wir sogar laufen. Doch wir kommen sicher ans Ziel.

Mopedausflug in die Gegend westlich von Chiang Rai

Ich fahre ziellos umher, nicht auf der Suche nach etwas Bestimmtem und finde kleine Wasserfälle, Teeplantagen und Minderheitendörfer.

Chiang Rai - Chiang Saen

Der Mekong und ich

Eineinhalb Stunden Busfahrt von Chiang Rai – für 37 Baht. Die letzten Kilometer wollen nicht vergehen. Dann darf ich endlich aussteigen. Auf der Uferpromenade das ersehnte Schild „Welcome to Chiangsaen“. Und dann mit glasigen Augen der erste Blick auf den Mekong. Was zieht mich hierher, was fasziniert mich an diesem Fluss? Ich bin hier, um es herauszufinden.

Chiang Saen

... bezeichnet sich selbst gerne als älteste Stadt Thailands. Schon in prähistorischer Zeit befand sich hier eine Siedlung. Später war hier der Geburtsort des Lanna-Königs Mengrai, einer seiner Enkel gründete 1329 die Stadt. Die Stadtbefestigungen sieht man noch heute. Ich fahre die Stadtmauer entlang und sehe mir das gemächliche Alltagsleben an. Trotz Regen – endlich regnet es mal – ist Chiang Saen ein freundlicher Ort. Apropos gemächlich: Die nächste Abfahrt der „Nagi of Mekong“ von Chiang Khong nach Luang Prabang ist erst am Sonntag. Das heißt, ich hab jede Menge Zeit für das Goldene Dreieck.

Hall of Opium

Ich besuche die Hall of Opium, ein Museum, das sich mit den verschiedensten Aspekten des Rauschmittels beschäftigt. Die Ausstellung ist groß, interessant, interaktiv und sehr lehrreich: Opium wurde ursprünglich von Europa nach Asien gebracht. Opiumkissen wurden aus harten Materialien hergestellt, damit die Süchtigen nicht zu lange in den Opiumhöhlen blieben, sondern eher Platz für neue Kundschaft machten. Ein Buddha im Wat Suthat in Bangkok besteht aus eingeschmolzenen Opiumgefäßen. Thailand hat unter großem Druck den Briten die Einfuhr von Opium erlaubt, den Konsum allerdings nur Chinesen gestattet. Und vieles mehr. Das Museum beeindruckt mich, es ist vielleicht eines der interessantesten, in denen ich jemals war. Um so mehr verwundert mich, dass ich nahezu alleine durch die Ausstellung gehe, während es am Pier der Ausflugsboote zum Ramschmarkt im Niemandsland lange Warteschlangen gibt.

Speedboatfahrt von Chiang Saen nach Chiang Khong

Mein Speedboat kurz vor der Abfahrt in Chiang Saen

Meine ersten Flusskilometer! Ich wollte schon den Bus nehmen, denn der ist erstens exakt 100 Mal billiger und zweitens ließ sich niemand auftreiben, der sich ein Boot mit mir teilen wollte. 25 Baht kostet die Busfahrt, 2.500 Baht die Bootspassage. Für 60 Flusskilometer ist das ein verrückter Preis. Überredet hat mich gestern Michael D. Sullivan, ehem. Senior Asia Correspondent für NPR, Asienexperte und Mekongsüchtiger, mit dem schlüssigen Argument „Your trip is about the Mekong, so travel on the Mekong!“. Michael betreibt im Goldenen Dreieck eine Pizzeria und rühmt sich, dass sein Restaurant weltweit das einzige sei, das in drei Länder liefere.

In Chiang Khong dann eine Szene vom Typ „guter Bulle, böser Bulle“. Zwei Grenzer vom Immigration Office, der böse ist der Chef.

„You come from Laos?“
„No, I come from Chiang Saen!“

Das nimmt er mir nicht ab. Welcher Blödmann fährt schon mit dem Boot von Chiang Saen nach Chiang Khong.

„Passport!“
„Krap!“

Der Böse lernt meinen Reisepass auswendig, dann tritt er ab. Der Gute, ein Bursche von vielleicht 20 Lenzen, spricht mit mir in bestem Deutsch mit deutscher Schnüte, gibt mir Tipps und erklärt mir die Grenzformalitäten, falls ich nach Laos weiter will.

Chiang Khong ...

Chiang Khong. Und am linken Flussufer Laos

... hat Charme. Durch die Nähe zum Grenzübergang nach Laos hat sich hier eine beschauliche touristische Infrastruktur entwickelt. Backpackerbars, Restaurants und Gästehäuser entlang der Uferpromenade fügen sich unaufdringlich in die lokalen Strukturen des kleinen Städtchens.

Der Mekong-Riesenwels ...

... ist einer der größten Süßwasserfische der Welt. Ausgewachsene Männchen erreichen eine Länge von drei Metern und werden bis zu 300 Kilo schwer. Er kommt ausschließlich im Mekong und im Tonle Sap vor und gilt als vom Aussterben bedroht. Die Wildpopulation wird auf etwa 2.500 Exemplare geschätzt.

Thailand will den Mekong-Riesenwels als Aushängeschild für den Schutz der Fischbestände des Mekong etablieren und so das Bewusstsein der Bevölkerung für den Artenschutz schärfen. Diesem Zweck dient wahrscheinlich auch das riesige Catfish-Monument, das derzeit in Chiang Khong errichtet wird.

 

Weiter geht die Reise in Laos.