Auszeit von China

Gestern, als wir die Fahrkarten besorgten, hab ich noch über die gigantischen Ausmaße des Bahnhofs von Lijiang gewitzelt. Viel zu groß sei dieser neu erbaute Klotz für die gerade mal drei Züge, die von hier täglich Richtung Süden nach Kunming fahren. Jetzt kann ich die Dimensionierung besser verstehen. Es herrscht ein unglaubliches Geschiebe und Gedränge und wir landen in einem bis zum letzten Platz besetzten Zug. Unser Waggon ist ein Liegewagen, pro Abteil gibt es sechs Pritschen, die unteren werden jeweils von vier Personen besetzt. Die Liegen darüber sind auch belegt. Eine strenge Schaffnerin kontrolliert, ob jeder auch auf dem ihm zugewiesenen Platz sitzt.

Die Mitreisenden in unserem Abteil sind durchwegs junge Chinesen, vielleicht sind sie von einem vergnüglichen Wochenendausflug auf dem Rückweg nach Kunming. Man bietet uns Nüsse und Snacks an, und trotz der Enge und eines ungeplanten halbstündigen Aufenthalts auf offener Strecke ist es eine gemütliche und angenehme Fahrt. Die letzten zwanzig Minuten schmiegt sich der Eisenweg ans Ostufer des Erhai Lake. Der Blick auf den schönen See und die imposante Bergwelt wird nur durch gelegentliche Tunnelabschnitte unterbrochen.

Am Bahnhof finden wir auf Anhieb einen Taxifahrer, der uns zum Hotel fährt. An das 5* Regent Hotel haben wir hohe Erwartungen. Es hat angeblich einen Pool und liegt nur wenige Minuten vom See entfernt. Tatsächlich liegt es direkt an der Hauptstraße, und der große Parkplatz mit den Reisebussen sagt uns, dass es wohl hauptsächlich von Tourgruppen auf der Durchreise verwendet wird. Es ist ein typisch chinesisches Mittelklassehotel mit pompöser Lobby in Gold und Rottönen, dicken Teppichen, einem Teeverkostungsraum und einer Unmenge von Jadeschnitzwerk in einem düsteren Verkaufsraum und in den Gängen. Unser Zimmer ist in Mahagoni gehalten und der Boden mit einem türkisen, dreckigen Spannteppich ausgelegt. Dazu passt das Wasser im Pool farblich perfekt, es schimmert algig-grünlich. Der erste Eindruck ist also nicht besonders vielversprechend.

Dann jedoch gehen wir auf die Straße und realisieren, dass sich das Hotel direkt am Rande der Altstadt befindet. Wir schlendern durch die Gassen, finden ein paar nette Lokale, sitzen vor dem örtlichen Irish Pub bei einem Glas Selbstgebrautem und finden, dass uns Dali gerade recht kommt. Irgendwie erinnert der Ort an ein Aussteigerparadies oder eine Hippiekommune. Sogar einen Sitar-Spieler haben wir entdeckt und am Straßenrand werden, neben zahllosen anderen Leckereien, auch Banana Pancakes verkauft, die anscheinende Leibspeise aller Backpacker. Wir beschließen, unseren geplanten Aufenthalt zu verlängern.

Durch diese hohle Gasse...

Mein Gepäckstück befindet sich derzeit angeblich in Lijiang am Flughafen. Kurz überlege ich, dort hinzufahren und es abzuholen. Aber abgesehen davon, dass mich Hin- und Rückreise einen ganzen Tag kosten würde, und gar nicht gesichert ist, dass das Ding nicht wieder nach Beijing zurückgeschickt wird, ehe ich in Lijiang ankomme, bin ich erstens an dem Desaster nicht Schuld und habe zweitens Urlaub.

Wir verplemperten bisher ohnehin die meiste Zeit damit, irgendetwas zu buchen, zu suchen, zu warten, uns verständlich zu machen, kurz gesagt damit, uns zu organisieren, und den Rest der Zeit sitzen wir in Bussen, Zügen und im Flieger. Schon einige Male haben wir uns gefragt, warum wir uns das antun und nicht auf der Stelle einen Flug nach Thailand buchen und uns an den Strand legen.

Also vertrödeln wir unseren ersten vollen Tag in Dali, schlendern ziellos durch die Straßen, sitzen in Lokalen und fotografieren die kuriose Mischung aus Backpackerromantik und chinesischer Umtriebigkeit.

In einem kleinen Reisebüro informieren wir uns über Flugpreise und die Busverbindung nach Kunming und buchen so nebenbei eine Schifffahrt auf dem Erhai Lake.

Die beginnt am nächsten Morgen mit einer guten halben Stunde warten auf den Minibus, der uns vom Reisebüro zur Anlegestelle des Schiffes bringen soll. Mit uns im Bus sitzt ein junger Malaysier, mit dem ein nettes Schwätzchen entsteht. Er ist chinesischstämmig, spricht also nicht nur sehr gut englisch, sondern auch chinesisch. Der hat’s hier richtig gut.

Claudia zeigt auf ein paar hölzerne Boote mit jeweils etwa 20 Sitzplätzen. „Das ist aber fein, dass wir mit so einem kleinen Boot fahren.“ Die Boote stehen im Schatten, und den wirft unser tatsächliches Schiff, ein Riese mit drei Decks. Mit uns gehen etwa 300 Chinesen an Bord, die Blaskapelle spielt und jeder bekommt vom folkloristisch gekleideten Bordpersonal ein Herzchen umgehängt, das wohl in erster Linie eine Art Ausweis ist, damit bei den Landgängen keiner verloren geht.

Die Berge rund um den Erhai Lake hüllen sich großteils in Wolken, nur hin und wieder lässt sich der eine oder andere Gipfel erahnen. Aber das Geschehen an Bord ist für uns ohnehin interessanter als die Landschaft.

Auch am Schiff gibt es die Möglichkeit, sich in regionale Trachten zu kleiden und sich darin fotografieren zu lassen. Manchen reicht es allerdings, sich mit der großen chinesischen Flagge ablichten zu lassen, die am Schiffsheck weht. Würde auch nur ein Österreicher bei einer Schifffahrt auf einem heimischen See, ein Foto mit der Landesflagge haben wollen? Oder ein Deutscher bei einer Rheinfahrt? Mal ausgenommen, es schürt gerade eine Fußball-Weltmeisterschaft „dahoam“ den Nationalstolz.

Wir tuckern gemütlich über den See, die Chinesen die nicht gerade einen wichtigen Fototermin haben, verstecken sich auf der Schattenseite oder hinter mitgebrachten Sonnenschirmen.

Dann nähern wir uns dem Höhepunkt der Fahrt: Unser Schiff steuert auf Xiao Putuo zu, eine kleine, malerische Insel, die von einer hübschen Pagode aus dem 15. Jahrhundert geschmückt wird. So wird die Insel zumindest in den Reisebüros beschrieben.

Von weitem sieht man schon das Dach der Pagode, es ist umringt von bunten Schirmen. Wir kommen näher und bemerken, dass unser Schiff viel größer ist als die Insel. Unter den Schirmen befinden sich Verkaufsstände für Andenken und kleine Garküchen. Wir landen an und das Werben um die Gunst der Kundschaft geht los. Es gibt einen schmalen Rundweg, der an den Garküchen vorbei zur Pagode und wieder retour auf das Schiff führt. Dreihundert Bootsausflügle schieben sich durch diese hohle Gasse und werden dabei unentwegt von Verkäufern bedrängt. Es gibt Andenken aller Art, Bekleidung, Sonnenhüte und Grillspieße mit allem was nicht rechtzeitig untergetaucht ist oder sich auf einen Baum gerettet hat, von Minifischen über Garnelen  bis zum Singvögelchen. Im Vorbeigehen – nein, eher im Vorbeigeschobenwerden - gelingt es mir, einen kleinen Spieß mit gegrillten Muscheln zu erwischen. Wir lassen uns zurück aufs Boot schieben und beenden den Landgang.

Der nächste Höhepunkt ist eine Insel mit einem merkwürdig europäisch aussehenden Schloss und einer Parkanlage mit ein paar Statuen.

Dann geht es ans Westufer nach Taoyuancun, wo ein sehr chinesisches Touristenvergnügen endet. Interessant war’s trotzdem. Wir sind auch gar nicht enttäuscht, denn die ruhige idyllische Stimmung, die uns eins mit der Natur werden lässt, haben wir nicht erwartet. Stattdessen konnten wir heute ein überaus authentisches Stück chinesische Realität miterleben.

Weltweite Realität sind auch unverschämte, betrügerische Taxifahrer. Wie Spinnen im Netz sitzen sie in ihren Blechkisten und warten auf arglose Opfer. Nur erkennen Taxifahrer nicht, dass ich nicht in ihr Beuteschema passe.

In der Regel belustigt mich das Schauspiel und diesmal läuft es wieder ein wenig anders ab, als ich es sonst kenne: Wir zeigen einem Fahrer ein Foto von Dali’s Wahrzeichen, dem Chongsheng-Kloster mit den drei Pagoden im Bai-Stil, das wir zuvor vom Schiff aus gemacht haben. Er zeigt den Fahrpreis: 50 Yuan. Und das ist auch ein fairer Preis für die Strecke. Während der Fahrt telefoniert er eine Zeit lang, dann reicht er mir den Hörer und sagt:

„For you!“
  Oh, wie schön, dass jemand mich sprechen will. Dabei weiß doch gar niemand, dass ich hier bin.
„Hello! Welcome to Dali!“, tönt es aus dem Telefon.
„Thank you!“  Na das ist doch mal nett, finde ich.
„Do you know, how much you have to pay to the taxidriver?“  Ah, daher weht der Wind also.
„Yes, 50 Yuan!“
„No, 150 Yuan!“
„OK! Thank you!“

Am Fahrziel angekommen bekommt der Fahrer von mir die vereinbarten 50 Yuan und wir verabschieden uns freundlich. Er duckst etwas, läuft uns nach, beginnt zu telefonieren, will mir das Telefon reichen. Mittlerweile stehen wir zu dritt am Eingang zur Klosteranlage. Ich kaufe Karten, allerdings nur für uns beide. Ihm ist der Eintritt zu teuer. Vorhang fällt. Ende der Vorstellung.

Vergnügt schlendern wir durch die Klosteranlage. Der Vorfall hebt meine Stimmung. Das ist Asien und ich bin mittendrin.



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