Chau Doc ...

Blick vom Nui Sam über das Mekongdelta

... liegt im hintersten Winkel des Mekongdelta. Viele sind hier nur auf der Durchreise. Ich bleibe vier Tage. Auf der Strandpromenade spricht mich jemand an und möchte mir eine Bootstour verkaufen. Zwei Stunden für 300.000 Dong. Ob das auch für 250.000 geht, möchte ich wissen. Er lacht und klopft mir auf den Bauch. Und recht hat er. Dass der so geworden ist, war viel teurer. Zu sehen gibt es einen winzigen schwimmenden Markt und eine Fischzucht. Nichts Aufregendes. Sensationell hingegen finde ich die Entspanntheit von Chau Doc: Ich schlendere am Mekong entlang, besuche die Markthalle, sitze in einem Straßencafé und genieße die entspannte Atmosphäre der Stadt und danach die Mopedfahrten durch die Reisfelder. Nach nur einer Nacht wechsle ich in die wunderbare Victoria Lodge auf dem heiligen Berg Nui Sam, wo ich stundenlang am Pool liege und meinen Blick über die Landschaft streifen lasse.  

Riding with the King – Im Bus durchs Mekongdelta

Die Flotte von Futabus am Busbahnhof Phuong Trang

Ich hasse Busfahrten! Daran ändert sich wohl auch in Vietnam nichts. Irgendwie ist das auch hier weit von dem entfernt, was ich mir unter einem Expressbus vorstelle. Zu langsam, zu viele Stopps. Der Fahrer bleibt sogar stehen, um sich eine Mango zu kaufen. Scheißkerl! Um der lauten vietnamesischen Kopie von „Musik ist Trumpf“ zu entgehen, die über die Busglotze flimmert – es singt gerade eine Karel-Gott-Kopie mit Schlupflidern –, stöpsel ich ein und wähle Eric Clapton. „I shot the driver“ dichte ich um und wenn das so weitergeht, muss auch der Schaffner dran glauben.

Irgendwann kommt mir der Gedanke, dass mir nicht die Busfahrt den Tag versaut, sondern meine Erwartungen. Erwartungen machen unglücklich. Und hab ich's eilig? Es ist schließlich völlig egal, ob ich um vier oder um fünf Uhr in Can Tho bin.

 Ich konzentriere mich auf den Moment. Da draußen ist das, wofür ich hier bin, wofür ich immer wieder nach Asien kommen werde. Unter anderem eine tropische Traumlandschaft und ein endloser Strom von Menschen, die sich mit allem fortbewegen, was Räder hat. Ich beginne zu fotografieren, komponiere alle paar Sekunden ein neues, großartiges Bild. Dutzende. Hunderte. Die Speicherkarte wird jedoch nie voll werden, denn die Kamera ist in der Tasche. Der Augenblick erhält sein Recht auf Vergänglichkeit.

Clapton fragt: „How many bridges I have to cross?“ Mindestens hundert, Slowhand! Entspann' Dich. Bei jeder (!) hüpft mein Herz, bei jeder blicke ich voll Sehnsucht nach links und rechts, bis zur nächsten Flussbiegung. Eric meint: „Floatin' down that old river boy, leaves me feelin' good inside, ...“.Na, geht doch! Das ist hier ein gigantisches Spinnennetz aus Wasser und für die Nichtschwimmer unter den Fahrzeugen, an deren Enden runde Krücken aus Gummi befestigt wurden, hat man behelfsmäßige Asphaltbänder errichtet, damit ihnen die Wasserwelt nicht völlig verschlossen bleibt.

Das behinderte Fahrzeug, in dem ich sitze, bewegt sich auf Can Tho zu. Ich beobachte den Fahrer. Er hat offensichtlich Spaß an seinem Job. Bus lenken, telefonieren, Mango essen. Jeden Tag durch diese Zauberlandschaft fahren. Clapton singt dazu: „Riding with the King.“ Und ich glaube, ich liebe Busfahrten!

Cai Rang Floating Market

Hoa mit meinem Travelbuddy Rüdi

Aufstehen um 4 Uhr früh. Vor dem Hotel wartet die etwa 16-jährige Hoa auf mich. Eine ältere Frau hat mich gestern am Hafen in Can Tho angesprochen und alles arrangiert. Wir gehen zum Fluss und besteigen ein Boot. Es fährt uns nach Cai Rang, zum größten schwimmenden Markt im Delta. Für die Augen, die auf den Bug der Boote aufgemalt werden, bekomme ich diesmal eine andere Erklärung als die übliche. Nein, das ist nicht der „böse Blick“, um Geister zu vertreiben, das ist, damit die Boote nachts besser sehen können! Mittlerweile sollten die Boote aber gut sehen können, die Sonne ist aufgegangen.

 Ich bestaune das geschäftige Treiben. Routiniert wechseln große Mengen Obst den Besitzer. Von großen Frachtschiffen auf kleinere, von denen weiter auf schmale, wackelige Boote. Auf diese Weise wird auch der kleinste Seitenkanal mit Obst und Gemüse versorgt. Zeit für ein Frühstück! Ich möchte einen starken Kaffee und eine Nudelsuppe. Hoa hat Sorge um meinen Magen. Ich setze mich durch. Wir winken ein kleines Versorgungsboot, eine schwimmende Garküche, heran. Die Suppe schmeckt und Nebenwirkungen bleiben aus. „Four in the morning, much more traffic!“, meint Hoa. Gut, dann kommen wir morgen um vier Uhr, schlage ich vor. Hoa gefällt der Vorschlag nicht: Um die Zeit wären wir Touristen hier nur im Weg. Cai Rang Floating Market ist keine Touristenattraktion, sondern in erster Linie ein lebhafter Großmarkt.

Später schlage ich Hoa vor, mich als Reiseführerin die nächsten zwei Wochen durch Vietnam zu begleiten. Sie überlegt kurz: „Difficult, I have to go to school!“ Hoa wird still. Ich erlöse sie von ihren Überlegungen, wie sie Schule und das unerwartete Jobangebot unter einen Strohhut bringen könne. „Only joke! I want to travel alone!“, löse ich auf. War ja wirklich nur ein Test. Ich bin es mittlerweile gewohnt, alleine zu planen und auch kurzfristig meine Pläne wieder zu verwerfen, ohne mich jemandem erklären zu müssen. Wir verabschieden uns voneinander nach gut fünf Stunden Bootsfahrt und einer Exkursion durch Obstgärten und Plantagen. Can Tho ist die größte Stadt im Delta, trotzdem treffe ich die Frau, die die Tour eingefädelt hat, später zufällig wieder. „You remember me? You tour. My daughter!“ Oh, wenn sie von meinem Angebot an Hoa wüsste, würde sie mir jetzt aber was erzählen!

Saigon ...

... strahlt jedes Mal mehr! Das Kolonialviertel rund um Kathedrale, Postamt und die Haupteinkaufsstraße Dong Khoi hat sich fein rausgeputzt. Ich sitze auf der Dachterrasse des altehrwürdigen Rex-Hotels, blicke auf den großen Platz mit der Statue des Nationalhelden Ho Chi Minh und sippe an meinem Gin Tonic. In den 1970ern fanden in dieser Bar die Pressekonferenzen des US-amerikanischen Militärkommandos mit den Kriegsberichterstattern statt. Richard Pyle, der Leiter von Associated Press, beschrieb diese Konferenzen als „die am längsten ununterbrochen aufgeführte Tragikomödie in Südostasiens Theater des Absurden“. Die Journalisten kritisierten oftmals den Wahrheitsgehalt der offiziellen Berichte, die ihnen vorgelegt wurden, und kommentierten diese mit zynischen Bemerkungen.

Meine Reise nähert sich ihrem Ende, drei Wochen hab ich noch. Bis jetzt hab ich in den Tag hinein gelebt, jetzt beginne ich, genau zu planen. Ich habe noch einiges zu erledigen, hauptsächlich Besuche von Freunden und Bekannten, aber ich möchte mich auch noch ein wenig erholen. Je länger ich unterwegs bin, desto ruhiger geh ich es an. Ich muss nicht jeden Tempel sehen.

Vom Leid des Alleinreisenden

„Where you from?“
„Austria.“
„Oh, Aulelia!“
„No, Austria! Small country next to Germany!“
„Oh, Gemani! Sweinsteiger!“

Dieses Gespräch hat so oder so ähnlich schon viel zu oft stattgefunden, als dass ich ihm etwas abgewinnen könnte. Ich respektiere selbstverständlich wohlwollend den Versuch meines Gegenübers, mich von meiner Einsamkeit zu erlösen. Asiaten empfinden oft Mitleid mit jemandem, der alleine an einem Tisch sitzt. Aber mir ist entweder nach mir selbst oder nach einem guten Gespräch, nach einer Geschichte, die mich etwas lehrt oder mich unterhält, und nicht nach Smalltalk. Da halte ich es ganz mit Andreas Altmann, der sagt, der größte Luxus auf Reisen sei ein Ort, wo man ihn in Ruhe schreiben lässt, oder mit Laotse, der meinte „Die größte Offenbarung ist die Stille“.

Eine andere – typisch  Konversation:

„I would like to order 'Cuong Ram Mien Trung'". Das sind Frühlingsrollen.
„One?“
„One springroll? How big are they?“

Buddha sei Dank hat sie mir keine Springroll gezeigt, sonst hätte ich fünf Stück bestellt und fünf Portionen bekommen, denn das hat sie gemeint: Wie viele Portionen? Na, wie viele Portionen werd ich bestellen, wenn ich alleine am Tisch sitze?

Schon zuvor beim Betreten des Lokals:
„How many person?“
„How many you can see?! Count them!!!“

Was ich auch schon gehört habe:

„You travel alone?“
„Yes!“
„I feel so sad for you.“

Nur gestern vor dem Hotel beim Warten auf den Bus:

„You alone!“
„Yes!“
„You lucky!“
Der Mann, Vietnamese um die 60, hat sich gerade von seiner ca. 30-jährigen „Freundin“ verabschiedet. Sie ist ins Taxi gestiegen, er fährt zurück nach Saigon.

Nha Thrang

Blick aus meinem Hotelzimmer

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt stehen halbfertige Luxushotels. Ehrgeizige Projekte kurz vor der Fertigstellung oder Bauruinen wie zum Beispiel in Hoi An? Man wird sehen. Bedarf müsste vorhanden sein, denn eine echte Stranddestination ist Nha Thrang bislang nicht. Der kilometerlange Stadtstrand ist zwar nicht so schlecht, aber er ist durch eine stark befahrene, mehrspurige Straße von den Hotels getrennt. Meines, das Havana, hat sogar einen Tunnel, der zum Strand führt. Ich finde es am Pool gemütlicher, es ist so heiß, dass ich erst abends meine Trägheit überwinden kann. Meinen Geburtstag feiere ich bei einem Bekannten. Wir sitzen am Straßenrand, grillen und trinken kühles Bier. Am späteren Abend wird noch eine Geburtstagstorte per Moped angeliefert.

Im Nachtzug von Nha Trang nach Danang

Auch Rüdi hat ein bequemes Plätzchen

Hardsleeper ist nichts für Reinlichkeitsfanatiker. Frisches Bettzeug wird zu Fahrtbeginn in Saigon aufgezogen und bis Nha Trang ist einer in meinem Bett gelegen. An der Wand krabbeln Käfer hoch. Aber das Tak-Tak der Schienen wirkt beruhigend. Ich schlafe tief und fest bis etwa 5 Uhr. Dann werden die Vietnamesen aktiv. Türe auf, Türe zu. Gespräche von einem Waggonende zum anderen. Telefonklingeln. Insgesamt war das eine sehr angenehme Fahrt. Am Bahnhof in Danang wartet Hoi auf Kundschaft. Ich kenne ihn vom letzten Mal, da haben mich sein Sohn und er mit einem Auto von Hoi An nach Hue gefahren. In erster Linie sieht sich Hoi aber als „Easy Rider“. Er unternimmt mit Gästen Motorradtouren ins Hinterland. Das letzte Mal war dafür keine Zeit, diesmal könnte sich's ausgehen.

 

Mit "Easy Rider" Hoi werde ich in ein paar Tagen das Zentrale Hochland erkunden

Während eines herrlichen Frühstücks zeigt mir Hoi sein Mäppchen mit Referenzen, Berichte anderer Touristen, die Hoi in höchsten Tönen loben, und Bilder vom Zentralen Hochland. Ich soll als Sozius mitfahren, doch schon der Gedanke daran lässt mich schaudern. Ich bin ein schlechter Beifahrer, ich fühle mich dabei so ausgeliefert. Nein, Hoi! Ich hab einen Führerschein und kann Motorrad fahren. Wir werden uns handelseins: Hoi wird mich an meinem letzten Tag in Hoi An abholen und dann fahren wir gemeinsam – mit zwei Motorrädern – durch das Zentrale Hochland. Vorerst bringt mich Hoi nach Hoi An in mein Hotel.

Hoi An ...

... bedeutet ruhige Gemeinschaft oder friedvoller Versammlungsort. Das ist das Städtchen längst nicht mehr. Es wird von Jahr zu Jahr mehr von Touristen überrannt. Hoi An war einst der größte Hafen in Südostasien und Teil der Seidenstraße. Chinesische, japanische und portugiesische Einflüsse sind klar erkennbar. Ich bin jetzt das dritte Mal hier. Die Fotomotive gehen mir trotzdem nicht aus. Und das Umland von Hoi An finde ich auch sehr reizvoll. Auf einer Mopedtour spricht mich eine junge Frau an. Ob ich schon einmal eine Wasserkokosnussfarm gesehen hätte? Natürlich nicht. Sie fährt voraus. Wir kommen in ein kleines Dorf an einem Seitenarm des Song Thu Bon. Ich lerne die Familie der Frau kennen: einen freundlichen netten Mann und ein kleines Mädchen. Dann fährt sie mich mit einem der typischen runden Bambus-Böötchen durch die Plantage. Für die Schreibweise „Böötchen“ weist meine Lektorin jegliche Verantwortung zurück, mir gefällt’s so aber wesentlich besser.

Am nächsten Morgen zeigen mir mein Schweizer Bekannter Thiemo und seine Verlobte Nga einen Fischmarkt im Delta des Song Thu Bon. Viele fleißige Hände. Es wird ausgeladen, gewogen, geräuchert, getrocknet. Und ich bin mitten drunter. Ich mag Arbeit ja sehr. Also, solange ich zusehen kann und nicht anzupacken brauche. Danke, Thiemo, für die schöne Idee.

Bausünden, Hotelruinen: Seit 2008 komme ich im Abstand von drei Jahren nach Hoi An. Die Küste zwischen Danang und Hoi An sieht relativ unverändert so aus:.

Im Zentralen Hochland

Abendessen mit Hoi

Pünktlich holt mich Hoi von meinem Hotel ab. Mein großes Gepäck bringen wir in sein Haus nach Danang, dann geht's in die Berge. Die chinesische Lifan 150 schnurrt sich ihren Weg durch die hügelige Landschaft. Hoi würde gerne viel schneller fahren, passt sich aber brav meinem Tempo an. Am Ende der Fahrt quartieren wir uns in einem Dorf im besten Haus am Platz ein. Gut, das Hotel ist wohl auch das einzige hier, aber man kann nicht meckern. Manchmal gibt es sogar WLAN, manchmal nicht einmal Strom. Am Abend essen wir einen wunderbaren Hot Pot mit Fisch und frischem Gemüse. Wenn ich jemals erfahren sollte, wie der Ort und das Hotel heißen, werde ich eine positive (!) Hotelbewertung schreiben, auf der Pauschaldeppenplattform Holidaycheck.

Der Sarg im Wohnzimmer

Der 88-jährige Y Không von der Co-Tu-Minderheit wirft sich extra für mich in Schale, um für ein Foto mit seinem (!) Sarg zu posieren. Bei den Co Tu ist es üblich, sich zu Lebzeiten um die eigene Holzkiste zu kümmern. Rätselhaftes, unergründliches SO-Asien. Manchmal kann ich's selbst nicht glauben. Später Motorradtour im Zentralen Hochland, Teil zwei. Landschaft, Straße, Besuch bei Minderheiten, rechtzeitige Ankunft am Flughafen Danang. Und ein Flug nach Hanoi.

Liebe Tourismusverantwortlichen in Vietnam!

Blick aus meinem Hotelzimmer in Hanoi

Ihr lest doch angeblich alles mit. Solltet ihr euch ernsthaft Gedanken machen, wie ihr euren Nachbarländern bezüglich der Tourismusstatistik Konkurrenz machen könnt, dann beginnt vielleicht bei den Taxifahrern. Sie sind es, die ausländische Besucher quasi im Vorzimmer empfangen, und das Vorzimmer ist schließlich die Visitenkarte einer Wohnung.

Unfähige Idioten, die kein Wort Englisch sprechen und eine Adresse im Zentrum Hanois nicht zuordnen können, aber den Kunden um ein Vielfaches des regulären Fahrpreises betrügen wollen, sind jedenfalls eine sehr schlechte Visitenkarte. Und dass ihr diesem Problem nicht Herr werdet, ist ein Armutszeugnis sondergleichen.

Begonnen hat alles mit einer Flugverspätung von zwei Stunden. In Vietnam werden 45 Prozent aller Inlandsflüge verschoben oder gestrichen.

Im Flieger dann ein besoffener, lauter Vietnamese neben mir, der mit seinen Armen geredet und mir ständig seinen Ellenbogen in die Rippen gehauen hat. Als ich ihn bat, etwas aufzupassen, zeigte er auf den Notausstieg. „Wenn Dir was nicht passt, kannst Du ja aussteigen.“ Dann der Betrüger am Taxilenkrad. Und zum Abschluss hab ich 50 Meter vom Hotel entfernt die folgende Szene beobachtet:
Ein Eisenrahmen, ungefähr 100 cm lang, 50 breit. Drinnen ein angeketteter Hund, der auf einem laut ratternden Laufband läuft. Die Zunge weit heraußen, panisch aufgerissene Augen. Flüchtend vor dem Scheißkerl, der ihn immer wieder mit einem Plastikstuhl schlägt. Aber er ist eben angekettet und kommt nicht weit. Das alles auf offener Straße, zum Spaß und zur Belustigung der Passanten. Dazu dann die Geschichten, die man mir in den letzten Wochen erzählt hat. Vom Betrug an der Suppenküche über saufende, rumhurende Männer, die ihre Frauen halb tot schlagen bis zu behinderten Kindern, die (aus Scham der Eltern) ans Bett gefesselt werden und nie Tageslicht sehen.

An guten Tagen kann ich mich auf die Beobachterrolle zurückziehen und sagen „Die Welt ist so, wie sie ist“. An schlechten Tagen könnte ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Vietnam steht mir heute bis oben hin.

Das Nudeldorf Cu Ðà, südwestlich von Hanoi

Hier werden Nudeln nach einem geheimen Rezept herhestellt. Mir geht es wieder mal nur um das herrliche Gefühl, anderen Menschen bei der Arbeit zuzusehen. An dieser Stelle mein Dank an Cathrin Karras, die mich in ihrem Blog auf das Nudeldorf aufmerksam gemacht hat.

Die blinden Kinder von Hai Duong

Straßenszene in der Nähe von Hai Duong

Ich bin zu Gast bei meinem Freund Jürgen, der hier mit seiner wunderbaren Familie lebt und unter anderem das vielleicht beste italienische Restaurant in Südostasien und ein kleines, feines Tourismusunternehmen betreibt. Jürgens Berufung ist aber, die Lebenssituation der blinden Kinder von Hai Duong zu verbessern. Das macht er mit unermüdlichem Engagement, viel Liebe und großem Erfolg. Wir betreten das einsturzgefährdete, modrige Gebäude, in dem die Kinder bis vor Kurzem untergebracht waren. Wir gehen die Treppe hoch. Unter – nicht übertrieben – Lebensgefahr. Aber erst da oben, in einem der muffigen, knarrenden Räume, wird einem hautnah klar, wie prekär die Situation für die Kinder und Jugendlichen war. Danach führt mich Jürgen durch das aktuell genutzte Gebäude. Ich sehe saubere Unterkünfte, Computerklassen, einen funktionierenden, sauberen Küchenbetrieb, aber vor allem lachende Kinder, die wie Kletten an Jürgen hängen, sobald sie registrieren, dass er anwesend ist.

Zu Gast in Hai Duong

Dann der erste Kontakt mit Chuc. Vor etwa zwei Jahren habe ich die Patenschaft für Chuc übernommen. „Patenschaft“ klingt so bombastisch, ich habe ja nicht mehr zu tun, als monatlich einen für mich recht bescheidenen Betrag zu überweisen. Zu wissen, dass Jürgen in Hai Duong die Fäden zieht, bedeutet für mich auch, dass mein Geld in guten Händen ist. Chuc ist ein sehr nettes Mädchen, aber anfangs ist sie sehr schüchtern. Wir gehen – gemeinsam mit Jürgen und Chucs Lehrerin – in das Café gegenüber des Blindenheims. Chuc bestellt einen Orangensaft, nippt aber nur vorsichtig daran. Warum? „Zu viel Zucker. Ich will nicht fett werden.“ Chuc hat also ganz normale Teenagersorgen. Später Chucs bombastische Aussage: „Ich fühle mich jetzt als Teil der Gesellschaft.“ Ein Satz als Essenz all dessen, was Jürgen hier auf die Beine gestellt hat. Denn „Teil der Gesellschaft“ zu sein, ist in einem Land, in dem man sich für eingeschränkte Menschen schämt und diese teilweise wegsperrt, keine Selbstverständlichkeit.

Die Familie meines Patenkindes ist in einem Dorf etwa 20 Kilometer außerhalb von Hai Duong zu Hause und lebt von der Erzeugung knuspriger Fladenbrote, die auf dem Markt verkauft werden. Wir werden freundlich empfangen und trinken Tee. Dann werden Reisstrohmatten aufgelegt und es wird ein reichhaltiges und leckeres Mittagessen serviert. Die ganze Familie hat sich versammelt. Später dann ein Spaziergang durch das Dorf, man ist stolz auf den ausländischen Gast. Die Dorfkirche wird für uns aufgeschlossen, ein hochaufragendes Gebäude mit bunten Glasfenstern. Am Rückweg winkt uns ein Nachbar herbei, wieder gibt es Tee und ich muss eine vietnamesische Wasserpfeife probieren.

Bei der Verabschiedung lasse ich Chucs Mutter ausrichten, dass ich mich freuen würde, bei der Hochzeit ihrer Tochter dabei zu sein. Glücklich über den gelungenen Besuch fahren wir wieder nach Hai Duong. Für mich ist an diesem Tag aus einer Kontonummer ein Mensch geworden.

Rückblick und Fazit

Die letzten Tage habe ich mit Freunden in Hua Hin verbracht! Jetzt bin ich im wunderbaren Bangkok, wo meine Reise vor drei Monaten begonnen hat. Der letzte Abend ist ein würdiger Abschluss. Auch den verbringe ich gemeinsam mit Freunden, und zwar im wunderbaren Mandarin Oriental. In der Lobby spielt ein Streichterzett für mich (!!!) den Donauwalzer. Magic Moment! Später genießen wir auf der Riverside Terrace ein sehr gutes Buffet und in der Bamboo Bar gibt's anschließend Live-Jazz und Mai Tai. Morgen beginnt – nach drei Monaten Selbstbestimmtheit – meine hoffentlich schonende Resozialisierung und Eingewöhnung in die Hektik des Abendlandes.

Ich stehe nun am Ende eines Selbstversuches. Ich wusste nicht, wie es mir unterwegs ergehen wird, so alleine und fern der Heimat. Vor Beginn der Reise hatte ich ein paar gesundheitliche Schwierigkeiten und deswegen sogar darüber nachgedacht, die Abreise um einen Monat zu verschieben. Dann hatte ich mich dazu durchgerungen, doch zu fliegen, aber die Route zu ändern. Den anstrengenden Teil in Yunnan (China) hatte ich gestrichen und mir stattdessen jeweils eine Woche in Bangkok und am Meer verordnet.

Als ich dann am 2. März am Flughafen Bangkok angekommen bin, hatte ich totalen Bock auf diese großartige Stadt. Nicht einmal die fast zwei Stunden Wartezeit an der Immigration hatten daran etwas ändern können. Die darauf folgende Woche im Strandhotel bei Pranburi war einerseits sehr erholsam, andererseits war mir phasenweise ziemlich langweilig. Solche Hotels werden ja hauptsächlich von Paaren bevölkert, und die sind meist nicht besonders gesellig und kommunikativ. Als dann nach zwei Wochen Urlaub die eigentliche Reise begann, war ich heilfroh.

Vorteil einer längeren Reisedauer ist, dass man nichts vorplanen oder vorbuchen muss. Man kommt an einem Ort an und entscheidet, wie lange man bleibt. Ich hatte jeden Tag die freie Wahl und konnte mich auf’s Neue entscheiden, wie die Reise weitergeht. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt und habe es total genossen. Oft habe ich nur eine Nacht per Handy-App gebucht und vor Ort dann die Lage gecheckt und gegebenenfalls den Aufenthalt verlängert. Meist habe ich es vorgezogen, länger an einem Ort zu bleiben und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, etwas zu versäumen. Paradebeispiel dafür: In Siem Reap bin ich sieben Nächte gewesen und habe nur vier (!) Tempelanlagen gesehen: Angkor Wat, Angkor Thom, Preah Khan und Ta Prohm. Mein Tuk-Tuk-Fahrer war ganz aufgelöst, als ich am zweiten Tag die Tour abbreche, weil ich zu meinem Swimmingpool zurückwill. Andere besichtigen fünfzehn Tempel in nur zwei Tagen und „machen“ dafür in der gesparten (?) Zeit Battambang, Kampot und Sihanoukville. Den Anspruch, alles zu sehen, hatte ich nie. Ich wollte mich lieber auf Orte einlassen, mir Zeit geben, um anzukommen, und die stillen, unspektakulären Momente genießen.

Mein billigstes Quartier hat 8 US$ gekostet, oft hab ich um 20–25$ genächtigt. Und je länger ich unterwegs gewesen bin, desto komfortverliebter bin ich geworden. Die letzten Tage habe ich in Hua Hin im Intercontinental verbracht. Ich brauche zwar keinen Luxus, aber ich mag ihn und weiß ihn zu schätzen.

Im Vorhinein wusste ich auch nicht, wie sehr ich mich auf andere Reisende einlassen würde. Bin ich eher gesellig oder ein Eigenbrötler? Rückblickend war ich beides, je nach Laune. Manchmal wollte ich meine Ruhe und manchmal wollte ich quatschen, mich austauschen, erzählt bekommen, was andere Reisende bewegt. Ich habe ein paar sehr interessante Leute kennengelernt, die meine Reise bereichert haben. Die typischen Backpacker hingegen sind mir gehörig auf den Sack gegangen. Die sind unterwegs, um Spaß zu haben. Und sie haben alle denselben Spaß, nämlich den, der im Lonely Planet steht. Wie langweilig!

Manche werden mich auch fragen, wo es mir am besten gefallen hat, und ich werde es nicht beantworten können. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Darum geht es gar nicht. Orte, Beobachtungen oder Erlebnisse, die mir nicht gefallen haben, gehören genauso dazu. Beim Reisen ist es wie im Alltag auch: Es gibt nicht nur gute Tage. Im Vordergrund standen außerdem nicht Orte oder Sehenswürdigkeiten, sondern Begegnungen mit anderen Reisenden, Einheimischen, Freunden oder zu guter Letzt mit meinem Patenkind Chuc in Nordvietnam.

Ich könnte noch drei Monate reisen, auch sechs. Vielleicht würde ich die nächsten drei Monate in Bangkok verbringen und danach in Ruhe den China-Teil der Mekongreise nachholen. Aber ich kann auch gut damit leben, dass diese Reise hier endet, denn damit beginnt auch gleichzeitig eine neue.

Noch eine Frage werde ich nach meiner Rückkehr ganz bestimmt hören: „Und? Wie viel hat Dich das jetzt gekostet?“ Bei manchen wird dies die erste und sogar einzige Frage sein, die ihnen einfällt. Ich finde das unheimlich traurig. Ich weiß darauf auch keine sachliche Antwort, meine Aufzeichnungen über die Ausgaben enden bereits am dritten Tag. Ich habe mir lediglich ein Limit von Tagesausgaben gesetzt. Das habe ich zwar nicht ganz eingehalten, aber viel bin ich nicht drüber gewesen. Ich werde nach der Rückkehr nicht am Hungertuch nagen und die Eindrücke und Erfahrungen sind priceless (unbezahlbar) und damit nicht in Euro, Baht, Kip, Riel und Dong zu bewerten.

Zeit ist das neue Geld und je älter man wird, desto kostbarer wird dieser Schatz. Diese drei Monate sind jedenfalls kein Abschreibposten, sondern waren eine richtig gute Investition.

Das Fotoalbum

Fotografische Eindrücke dieser Reise könnt ihr euch hier ansehen: KLICK