Die beiden Flughäfen von Xi'an

Die Weiterreise ist dringend notwendig. Als mich gestern die Hotelmanagerin und ihre Stellvertretung – die einzigen englischsprachigen Personen im Regent Hotel – mit ihrer seltsamen Mischung aus liebenswürdiger Hilfsbereitschaft und tollpatschiger Hilflosigkeit genervt hat, hab ich gesagt: Ich lauf jetzt mal kurz amok durchs Hotel. Dann ist mir leichter und ich brauch nichts mehr zu organisieren. Ich werde abgeholt und ab dem Moment sorgt der chinesische Staat für mich.

Die Aggression konnte ich dann doch noch kanalisieren, statt in die  Bluttat hab ich meine Energie  für einen Anruf am Flughafen Beijing verwendet und vereinbart, dass mein Gepäck – das übrigens wieder in Beijing in der Aufbewahrung gelandet ist – nach Xi’an geschickt wird. In Lijiang wusste man nicht, was man mit meinem Rucksack anfangen soll, und hat ihn tatsächlich mit der nächsten Maschine retour nach Beijing geschickt. Buddhaseidank bin ich nicht nach Lijiang gefahren, um ihn abzuholen.

Die Busfahrkarten nach Kunming haben wir gemeinsam mit den Flugtickets nach Xi’an bereits gestern in „unserem“ Reisebüro gekauft. Nun sitzen wir mit ein paar anderen Reisefreudigen im Bus. Als der losfährt, ist nicht  einmal die Hälfte der Sitzplätze belegt. Allerdings hat der Bus noch einen Halt in Dali, und dort füllt er sich bis auf den allerletzten Platz, wie alle anderen Busse, Züge und Flugzeuge, die wir auf dieser Reise erlebt haben und noch erleben werden.

Der Bus schwingt sich auf eine recht neuwertige, tadellose  und verkehrsarme Autobahn, die er erst in Kunming wieder verlässt. Die fahrplanmäßige Fahrzeit hält er punktgenau ein. Am westlichen Busbahnhof in Kunming sehen wir ein Taxi. Die Fahrerin putzt gerade ihr Fahrzeug mit einem feuchten Lappen. Ich beeile mich, denn noch nie hat mich eine Fahrerin genervt oder betrogen. Die Welt braucht eindeutig mehr Frauen in fahrenden Positionen.

Das Taxi schnurrt, der Taximeter läuft und wir flitzen über eine Autobahn, die noch tadelloser und verkehrsarmer ist, als die von Dali nach Kunming. Im CD-Player läuft eine poppige Version des Mantras „Om mani padme hum“. Na bitte, Buddhistin ist sie auch noch, da kann ja nichts schief gehen. Die Nummer dauert 8 Minuten und 41 Sekunden und wir bekommen sie 4 x zu hören,  ehe wir den Flughafen erreichen. So weit außerhalb liegt dieses schneidige Gebäude mit seiner  federleicht wirkenden Dachkonstruktion.

Auf unserem Flugticket steht „CZ“, also versuchen wir bei China Southern einzuchecken. Dort findet man uns allerdings nicht im Computer und schickt uns zu Lucky Airways. Den Namen hätte ich als Fluglinienbetreiber nicht gewählt, da braucht es doch bloß eine kleine Pannenserie, um ein für alle mal als „Unlucky Airways“ dazustehen.

Am Lucky-Schalter erklärt man uns, dass außer dem Flugziel Xi’an und unserem Namen nicht viel an unserem eTicket stimmt. Vielleicht sollten 8-jährige nicht in einem Reisebüro arbeiten. In Dali fanden wir’s noch witzig und fotografierten den kleinen Nachwuchstouristiker, während er am Computer die Flugverbindung suchte. Jetzt kommen Zweifel auf.

„Ist Lucky eine Billigairline?“, fragt Claudia. Ich lege die Stirn in Falten, denn normaler Weise sind solche Fragen latenter Flugangst geschuldet und damit kann ich überhaupt nichts anfangen. „Warum?“, frage ich skeptisch. „Dann landen sie sicher nicht am Hauptflughafen von Xi’an!“

Wir vergleichen eTicket und Bordkarte und stellen fest, dass sich die chinesischen Schriftzeichen der aufgedruckten Flugziele gar nicht ähnlich sehen.

Logisch, dass uns das passiert, es passt einfach zum Gesamtbild dieser Reise. Am Flughafen Xi’an wartet mein Gepäck, wenn wir dort nicht erscheinen, dann wird es wahrscheinlich wieder nach Beijing geschickt. Schon die Hotelmanagerin in Dali meinte: „Hihi, your luggage travel more than you!“. Als Entschädigung sollte ich eigentlich verlangen, dass mir die Meilen gutgeschrieben werden.

Wo befindet sich nun dieser ominöse Billigflughafen, wo der große Hauptflughafen? Wie macht man einem Taxifahrer klar, wohin man möchte? Wie verständigt man das Hotel, dass man unmöglich vor Mitternacht da sein keinn, um zu verhindern dass die Zimmerreservierung storniert wird? Normaler Weise wirft man das Smartphone an, googelt ein wenig und findet Antworten und Lösungen. Nicht jedoch in China, denn da gibt’s auf Flughäfen zwar „free WiFi“, aber nur für in China registrierte Mobilfunknutzer. Wir jedoch erhalten keine Fahrerlaubnis für die weltweite Daten- und Informationsautobahn.

Ungefähr eine halbe Stunde lang haben wir den Blues und wünschen uns in ein AI-Resort in Scheißegal Beach, wo wir uns um nichts kümmern müssen, außer darum möglichst viel des vorab bezahlten kulinarischen Angebots zu konsumieren, so einen herrlichen Ort wo wir umgehend bei der „lokalen deutschsprachigen Reiseleitung“ vorstellig werden könnten, wenn wir das Klo nicht finden oder in der Pina Colada zu wenige Eiswürfel sind.

Dann realisieren wir, dass auf dem eTicket offensichtlich der Name des Flugziels, also Xi’an, steht und auf der Bordkarte der Name des Flughafens oder ein schlauer Spruch von Konfuzius oder was auch immer. Denn – Xi’an – hat – nur – einen – einzigen – Flughafen.

Der Flug verläuft pünktlich und ereignislos und in Xi’an feiern wir ein Wiedersehen mit meinem Rucksacktrolley. Als ich die Griffstange ausziehe, muss ich schmunzeln, denn da steht „Never stop exploring!“.

Vive la France

Das Mercure Xi’an ist ein merkwürdiges Hotel. Gemeinsam mit einer Reihe anderer Gebäude – teils typisch sozialistische Architektur, teils nüchterne, modernere Zweckbauten - steht es in einem großen, parkähnlichen Gelände, das man durch ein mächtiges Tor betritt. Auf den ersten Blick glaubt man, sich in einer  Kaserne oder einem Krankenhaus zu befinden. Errichtet wurde der Komplex in den Anfangszeiten des Kommunismus, um sowjetische Berater zu beherbergen.

Trotzdem wirkt das Ensemble freundlich, die dicken grauen Betonmauern mit ihren knuffigen Verzierungen vermitteln  Ruhe und Geborgenheit. Neben dem Mercure befinden sich  hier noch zwei weitere Hotels der französischen Accor-Kette. Die Mitarbeiter sind freundlich, professionell und zweisprachig. 

Ja, es ist durchaus eine Niederlage, sich in die schützenden Hände dieser internationale Atmosphäre zu begeben. Von den Vorsätzen, in kleinen, lokalen Beherbergungsbetrieben unterzukommen und alles selbst zu organisieren, ist mittlerweile nicht viel übrig. Aber wir müssen bekennen, vieles wird leichter, wenn man verstanden wird.

Xi’an ist – zumindest innerhalb der massiven Stadtmauern aus dem 14. Jahrhundert - eine recht übersichtliche Stadt. Sämtliche Straßen sind genau nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, die beiden wichtigsten führen vom Nord- zum Südtor, bzw. vom Ost- zum Westtor. In ihrem Kreuzungspunkt markiert der Glockenturm das Zentrum.

Wir gehen die Erkundung langsam an und verbringen den halben Tag im Schwimmbad, das sich im schicken Sofitel Hotel befindet, von Gästen der anderen beiden Hotels jedoch mitbenutzt werden darf. Abends fahren mit dem Bus zum Glockenturm und schlendern durch das muslimische Viertel, das sich nordwestlich davon befindet. Hier gibt es einen Basar, eine der größten Moscheen Chinas und auf der Straße wird gekocht und gegrillt, auf der Speisekarte steht eine bunte Vielfalt verschiedenster Nudeltöpfe, gegrillte Tofuspießchen, Hammelkeulen und auch typisch muslimische Süßigkeiten.

Abends dann ein Moment kurzer Verwirrung. Wir gehen in einen der typischen Schnapsläden um Zigaretten zu kaufen. In einer Vitrine sind die verschiedensten Sorten wie Kostbarkeiten ausgelegt. Dieses Juwelier-Ambiente ist durchaus angebracht, denn manche chinesische Marken sind sehr teuer. Die Preisspanne erstreckt sich von 6 bis 120 Yuan pro Päckchen. Nichts ist leichter, als auf die gewünschte Schachtel zu zeigen und mit den Fingern die Menge anzuzeigen. Wir ernten allerdings nur Kopfschütteln und rätseln, was das bedeuten könnte: Geht nicht, hab ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht? Dabei hat sie doch eine angefangene Stange und wir wollen lediglich zwei Päckchen. Ein junger, englisch sprechender Chinese betritt den Laden und vermittelt: „She only has 4 packs!“. Jetzt wird’s irgendwie seltsam: „We only want two!“. „Ah! But you showed eight!“.  Das bei uns übliche Zeichen mit Daumen und Zeigefinger bedeutet acht. Für die zwei  nimmt man Zeige- und Mittelfinger. Das hab ich doch alles schon mal gelesen, aber wenn man es aktiv erlebt, prägt es sich einfach besser ein. Oder, wie ein chinesisches Sprichwort sagt: Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.

Bauer schreibt Autogramm

Xi’an war früher der Ausgangspunkt der Seidenstraße. Aber nicht deshalb wird die Stadt heutzutage von unzähligen Touristen und sogar politischen Führern von Bill Clinton bis Nicolas Sarkozy besucht, sondern weil der 1974 ein Bauer eine zufällige Entdeckung machte.

Beim Graben eines Brunnens stießen Yang Zhifa und ein paar Kollegen auf Tonscherben, die sie auf Handkarren verluden und ins 10 Kilometer entfernte Museum nach Lintong brachten. Dort wurden sie mit 10 Yuan pro Karren belohnt und waren zufrieden. Denn 10 Yuan entsprachen damals fast einem Jahressalär für einen Bauern wie ihn.

Als die Historiker realisierten, was für einen Schatz die Bauern gehoben hatten, wurden die  Bewohner für ihr Land entschädigt, und ließen sich in einem Dorf wenige Kilometer von der Fundstelle nieder. Yang Zhifa erwarb dort eine Dreizimmerwohnung. Gerne erklärt er, die Umsiedlung habe ihn nicht belastet. Er sei sogar stolz, den Wohlstand der Region erhöht zu haben. Typisch Ameise, typisch Chinese. Das Wohl der Gemeinschaft geht immer über die Befindlichkeit des Einzelnen.

Heute befindet sich an der Stelle ihres Dorfes eine der größten und meistbesuchten Attraktionen Chinas, das Mausoleum Qin Shihuangdis, besser bekannt als Terrakotta Armee.

Wir waren schon am Vortag am Bahnhof und haben die beachtliche Warteschlange an der Bushaltestelle gesehen. Da Schlangestehen Zeitverschwendung ist, sind wir extra früh aufgestanden um bereits morgens um 7 Uhr am Bahnhof zu sein. Wir warten bloß ein paar Minuten, dann sitzen wir im öffentlichen Bus, der uns nach einer knappen Stunde Fahrzeit zum riesigen Parkplatz vor dem Museum bringt. Als einzige, denn die  meisten Fahrgäste sind schon zuvor ausgestiegen, an einer wahrscheinlich tollen Attraktion. Ich weiß nicht was es ist, gesehen hab ich eine Parkanlage, eine Shopping Mall und eine Seilbahn, die in die smogverhangenen Hügel führt.

Wir jedoch schreiten den Kriegern entgegen. Alles hier ist riesig, der Parkplatz, die Anzahl der Souvenirläden, die Parkanlage und nicht zuletzt die Hallen, in denen sich die Tonkrieger befinden.

Wir stehen in Grube 1, der imposantesten der drei Museumshallen,  so groß wie zwei Fußballplätze. Hier befinden sich vermutlich 8000 Figuren, nur ein Bruchteil von ihnen wurde bisher ausgegraben und zusammengesetzt. Stolz stehen sie in Reih und Glied, während es in anderen Bereichen der Ausgrabung eher wie nach einem fürchterlichen Gemetzel aussieht. Beeindruckt blicken wir auf dieses riesige 3D-Puzzle, auf diese  Lebensaufgabe künftiger Generationen fleißiger Archäologen und Restaurateure.

Die anderen beiden Hallen geben näheren Einblick in deren Arbeit  und in die Geschichte der Qin-Dynastie. Uns  faszinieren vor allem die einzelnen Exponate in den Glaskästen, perfekt restaurierte oder nachgebildete Tonsoldaten. Hier steht man Aug in Aug mit ihnen. Und dann sehen wir auch den Bauern Yang Zhifa. Er sitzt in einem Bookstore und gibt Autogramme. Auch Bill Clinton hat eines.

Wildgänse im Nebel

Langsam stellt sich die Frage, wohin wir weiterreisen wollen. Eine Möglichkeit wäre, einen Zug nach Pingyao zunehmen. Das liegt auf halbem Weg zwischen Xi’an und Beijing und das Städtchen lockt mit einer perfekt erhaltenen mingzeitlichen Altstadt. Leider sind die Züge dorthin bis auf den letzten Platz ausgebucht. Die Alternative ist Qinhuangdao, eine Stadt am Meer. Ein Hotel direkt am Strand ist rasch gefunden und gebucht, aber auch für die Strecke von Beijing nach Qinhuangdao bekommen wir keine Tickets mehr. Im Hotel fragen wir, von welchem Busbahnhof Beijings Busse nach Qinhuangdao fahren und lassen uns den Namen auf chinesisch aufschreiben. Wenn das mal klappt.

 Xi’an werden wir mit gemischten Gefühlen verlassen. Einerseits tat uns die Geborgenheit und der Komfort des internationalen Kettenhotels gut, die Terracottakrieger sind tatsächlich beeindruckend und mit der Stadtmauer, dem Glocken- und Trommelturm, die abends hin hinreissendes Licht getaucht, wie zwei überdimensionale fernöstliche Knusperhäuschen aussehen und den beiden Wildganspagoden gibt es durchaus sehenswertes. Außerdem fällt in Xi‘an die Orientierung und auch die Fortbewegung leicht. Es gibt ein dichtes Netz an Autobuslinien, die U-Bahn mussten wir gar nicht benutzen.

Andererseits ist Xi’an nicht wirklich schön, es ist einfach eine geschäftige Großstadt, die nicht wirklich auf Touristen eingestellt oder auf diese angewiesen ist, Hochhäuser wirken irgendwie lieblos hingeklotzt und die Stadt versinkt im Smog.

Vor unserer Abreise haben wir die Wildganspagoden besichtigt. Die kleine ist ein Ort der Ruhe. Auf chinesisch heißt sie Xiǎoyàn Tǎ, und das bedeutet „Tempel des aufbewahrten Glücks“ .  Nur wenige Touristen verirren sich hier her. In einer schönen Gartenanlage mit Rosenbeeten und großen Bambusstauden befinden sich außer der eigentlichen Pagode aus dem 8. Jahrhundert wie üblich ein Trommel- und ein Glockenturm, sowie einige Läden und Ausstellungen für Malerei, Kalligraphie und Keramik. Man kann in den Galerien  natürlich auch etwas kaufen, aber uns kommt vor, dass hier das Kunsthandwerk noch im Vordergrund steht und nicht der Kommerz.

Einem Maler sehen wir bei seiner Arbeit zu. Er hat drei Farben gleichzeitig in seinem Pinsel. Je nachdem, wie er sein Malgerät hält und welchen Druck er damit auf das Reispapier ausübt, malt er gelb, grün oder schwarz. Eine Verkäuferin erklärt in bestem Englisch: „Real master has up to six colours in his brush.“

Die Große Wildganspagode – Dàyàn Tǎ - ist noch ein Stückhen höher und auch ein paar Jahre älter. Sie steht im Hof des „Klosters der Großen Wohltätigkeit“. Davor erstreckt sich eine riesige,  treppenförmige Wasserfläche, die an mehreren Stellen von steinernen Übergängen unterbrochen wird. Um zu verhindern, dass diese Übergänge zum Überqueren des Wassers genutzt werden, postiert man Aufseher mit Trillerpfeifen die das Geschehen beobachten. Von derem ständigen Pfeifen begleitet, steigen wir höher, der Pagode entgegen.

Seitlich des Springbrunnens locken Souvenirläden, Imbissbuden und Fastfood-Lokale westlicher Prägung. Neben der Tempelanlage schreit eine nagelneue, mit goldfarbenem Spiegelglas verkleidete Shoppingmall um Kundschaft. Am Eingang der Sehenswürdigkeit sehen wir Menschenmassen und an den Kassen lange Schlangen.

Uns vergeht augenblicklich die Lust auf Pagode, Trommel- und Glockenturm und all das, was wir doch ohnehin erst in kleinerer Ausgabe gesehen haben. Wir beenden das Sightseeing bei Latte und Muffin in einem Coffee Costa in der Shoppingmall.

Was haben wir in Xi’an gelernt? Den Unterschied zwischen zwei und acht, dass man Züge in China rechtzeitig bucht und dass jemand, der mit drei Farben gleichzeitig malt, deshalb noch lange kein Meister ist.

 

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